Natur

Umwelt

Menschen

Weltnaturerbe Grumsin

Reisen

Kontakt

nature-press




presse-dienst

Exkursion in den Grumsin

- Eine Herbstwanderung in den alten Buchenwald -

Angebote zu Führungen finden Sie HIER

Wer sich jetzt sofort einen Vorgeschmack auf den Besuch des noch blutjungen Weltnaturerbes und seiner alten Bäume gönnen will, möge einfach in den folgenden Text eintauchen:

Wenn direkt am Waldrand der fahlgelbe Sandweg von Ziethen kommend in das eiszeitlich kunterbunte Granitholperpflaster mündet, ist Deutschlands drittes und jüngstes Weltnaturerbe erreicht: Ein Atem beraubendes Relief, auf dem sich unter steilen Buchenkronen ein vielfältig verwobenes Sumpf-, Moor- und Seenreich öffnet. Der Grumsin.

„Im alten Wald geht jeder auf eigene Gefahr. Hier kann ich keine Verantwortung übernehmen“, mahnt Dr. Michael Luthardt seine etwa 20 Exkursionsteilnehmer gegen 10.00 Uhr an einem Samstagmorgen zur Vorsicht. Gleich darauf hat uns der mehr als mannshohe Unterwuchs am „Kaffeegraben“, sein Name spiegelt goldbraunes Moorwasser, verschluckt. Es riecht nach Pilzen, die Nachtfeuchte hängt schwer in der Luft und unsichtbar über den noch blattdichten Kronen gen Süden ziehende Gänsekeile künden lauthals vom Herbst.

Der schöne Weg zum Urwald

Welterbe Rotbuchenurwald? Kein fertiger Urwald, sondern ein Wald auf dem Weg dahin? Dazu die scheinbar so banale Rotbuche? Immerhin eine Baumart, für deren Zukunft Deutschland weltweit Verantwortung trägt: Ein Viertel des globalen Verbreitungsgebietes der Rotbuche liegt im Bundesgebiet.

Spröde öffnet sich das Naturerbe. Unter bewölktem Himmel, von wegen goldener Oktober, im finsteren Blätterschatten. Und dann auch noch klamm stehenbleiben, im Tropfschatten einer säulendicken Buche. Zahlen aufwärmen: Auf 35 Meter und noch ein wenig höher, auf 250 Jahre taxiert der promovierte Förster diesen Koloss. „Ich habe gelernt, dass die Rotbuchen maximal 300 Jahre alt werden“, berichtet er. Doch seit er die Weltnaturerbewälder in den Karpaten Rumäniens und der Ukraine bereist hat, schmunzelt er über sein Lehrbuchwissen: „Ein Buchenmethusalem kann durchaus ein halbes Jahrtausend erleben.“

Unvermittelt steigt der verwachsende Erdweg an, wird steil. „Die außerordentlich hohe Reliefenergie im Grumsin ist das Ergebnis eines eiszeitlichen Zusammenstoßes. Hier haben sich zwei Gletscher vor rund 12.000 Jahren getroffen, aneinander gerieben, die Vorfahrt ausgemacht und dabei die steilen Endmoränen in die Höhe geschoben haben“, erfahren wir.

So ist der Blocksberg, mit 139 Metern die höchste Erhebung weit und breit, ein unübersehbares Kind dieser Reiberei. Das höchste, größte und schwerste vielleicht, aber nicht das einzige. Allenthalben auf dem Waldboden belegen scheinbar willkürlich verstreute vieltonnenschwere Granitfindlinge diese zerschmolzenen Eisgewalten.

Zufälle bewahren den Wald


Dass die Rotbuchen im Grumsin in den letzten Jahrtzehnten kaum angetastet wurden, verdanken sie diesem eiszeitlichen Zusammenstoß und dem Wildreichtum. Ab 1950 war er für vier Jahrzehnte Staatsjagdgebiet und seit 1990 wurde er als Naturentwicklungszone im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin streng geschützt. „Betreten verboten“ hieß es die letzten Jahrzehnte und „Betreten verboten“ heißt es auch heute. Mit erwünschten Ausnahmen: Wer in das Weltnaturerbe möchte, ist dazu im Rahmen von Führungen befugt.

Bilderbuchkarriere: Vor 200 Jahren noch war das taufrische Weltnaturerbe landwirtschaftliche Hilfsfläche“, berichtet Luthardt. Hier hätten die ansässigen Bauern, aus Klein und Groß Ziethen, aus Schmargendorf oder Altkünkendorf, fast jeden See, jedes Moor im Wald entwässert. Im trockenen Sommer weidete das Vieh auf den feuchten Wiesen und im Herbst wurden die Hausschweine in den Wald zur Eichel- oder Bucheckermast getrieben. Damals gab es noch Hungerjahre und jeder Quadtratmeter Land war kostbar“. So wie heute im rund 600 Hektar messenden Buchenurwald von morgen.

Der Förster hält inne, Wasser platscht flüchtend aus dem südlich gelegenen Sumpf. Ein Teilnehmer steht tief geduckt, sein ausgestreckter Arm weist zurück und hinter tief beasteten Buchen pflügt in nicht einmal 80 Meter Entfernung ein Rothirsch mit ungestümer Gewalt bauchtief durch das spritzende Wasser. Kaum auf festem Grund prasselt sein Geweih panisch durch Buchenjungwuchs, wird leiser und verklingt.

Luthardt verweist kurz auf die zwei hier alljährlich stattfindenden großen Jagden, im Oktober die erste, im November die letzte. Notwendig seien sie, um die Zahl der großen „braunen Baumfresser“ zu reduzieren. Gemeint sind Rothirsch und Rehwild. Ohne Nachwuchs kein Urwald und so greift der Mensch auch hier ein, begrenzt. Urwald nach Menschmaß.

Buchenhallenwälder


Zurück zu alten Buchenhallen, die sich wenige 100 Meter weiter östlich um den Dabersee in den Himmel strecken. Mit ihren glänzend silbergrauen Säulen und oberschenkelstarken Kronenästen, die sich steil vom Stamm abzweigend zu eleganten Kathedralenbögen finden, könnten diese Hallen als Vorbild für gotische Kathedralen gedient haben, vermutet Luthardt. Tatsächlich: Den Kopf in den Nacken und der Blick himmelwärts ins herbstlicht werdende Kronendach gerichtet, der Vergleich ist anschaulich. Und doch bleibt ein Unterschied. Wenn die Zweige im Herbstwind erst sanft in Bewegung kommen und immer heftiger zu schaukeln beginnen, wird die Dynamik dieses Waldes sichtbar. Wer den Blick nicht rechtzeitig senkt und an festem Boden justiert, mag unvermittelt ins Mitschwanken kommen.

Gewankt und gefallen ist wenige Meter weiter ein starker Silberrücken, von dem nur noch der vielleicht fünf Meter hohe oben ausgefranste Stumpf steht. Zunderschwämme kleben mit ihren großen Schirmen dicht am Stamm und erläutern eindrücklich ohne Worte, wie oberflächlich der Begriff Totholz ist. Auf den Inhalt kommt es an und der steckt hier voller Leben: Pilze zersetzen den Baum und dienen wiederum als Nahrung für seltene Käferarten wie Eremiten und Kopfhornschöter. Leben unter der Oberfläche, das ist ein Stichwort: „All das Laub unter unseren Füßen wird in den nächsten Monaten von zahllosen Mikroorganismen zersetzt. So heißt die Rotbuche nicht umsonst die „Mutter des Waldes“.

„Das vielleicht größte Geheimnis der Buche ist ihr Schatten,“ verrät Luthardt. Die jungen Sämlinge, deren erstes Blätterpaar an einen grünen Schmetterling erinnert, können Jahrzehnte im Schatten der Altbuchen ausharren. „Bricht dann ein altersschwacher Riese im Sturm oder einfach unter seinem eigenen Gewicht zusammen, schlägt ihre Stunde. Blitzschnell hellwach wachsen sie in den Lichtkegel und haben dabei nur einen Konkurrenten: Die Buche, genauer gesagt die Altbuchen“, berichtet Luthardt. Diese Altbuchen sind bis ins hohe Alter mehr als rüstig und dehnen ihre Kronen ebenfalls in diesen nun vorübergehend freien Lichtschacht. Ein Wettlauf mit der Zeit, Zeitlupenwettlauf.

Weiter geht es auf dem alten fast verwachsenen Holzweg. Erste kupferfarbene Blätter auf dem Boden künden vom Wandel. Ganze Bäume liegen mitsamt Wurzelteller am Boden. Hie und da mit basketballgroßen roten, grauen und weißen Granitbroschen besetzt. Andere gefallene Bäume hängen in den Kronen lebender Artgenossen und warten auf den Sturm, der sie zu Boden werfen vermag. Tote starke Äste schwingen locker in den Kronen der Buchen mit und des Försters Mahnung zur Vorsicht wird bestätigt, als keine hundert Meter entfernt ein Ast durchs Blätterdach rauscht und auf den Boden schlägt.

Pommernadler und Stachelbärte


Jetzt noch die Frage eines Teilnehmers, ob hier in Buchenwäldern viele seltene Tierarten leben würden. Muss doch, Weltnaturerebe! Luthardt denkt kurz nach, dann schüttelt er den Kopf: Klar, der Seeadler brütet hier und in den Sümpfen und Mooren Kranichpaare. Der seltene Pommernadler war hier noch in den neunziger Jahren heimisch und nur wenige Kilometer entfernt kennt er einen Schwarzstorchhorst. „Natürlich sind die Urwaldkäfer wie Eremiten interessant und wenn es auch weder Tier noch Pflanze ist, die Pilze“. So hat er hier schon die sehr seltenen strahlend weißen Buchenstachelbärte entdeckt, die wie gefrorene Wasserfälle direkt auf der Rinde toter Buchen erscheinen. Dann lacht er noch und es klingt wie Jägerlatein: „Ich habe hier auch schon im Schnee Spuren von Wölfen entdeckt.“ Mit diesen Entdeckungen ist er nicht allein: Ein bekannter Wildbiologe aus dem nahen Eberswalde hat am Rand des Grumsin eine ganze Anzahl Wolfswelpen gesichtet.

Keine seltenen Tierarten? Vielleicht nicht für die Uckermark…

Der Grumsin ist Bestandteil einer Erbengemeinschaft. Er ist Weltnaturerbe, gemeinsam mit vier weiteren Buchenwäldern in Deutschland: Dem Hainich, den Kellerwald sowie Wäldern in den Nationalparks Jasmund und Müritz.

Der Grumsin ist Weltnaturerbe und zugleich ist er erst auf dem Weg dahin. Zu jung für einen Urwald, sei er, so hätten Experten der Entscheidungskommission angemerkt. Zu viele Wege würden noch durch den Grumsin führen, die nächste Kritik. Zu wenig Totholz, ein nächstes Manko. Alles nur eine kleine Frage der Zeit. Ein Wimpernschlag im erdgeschichtlichen Maßstab und wenig mehr im Leben einer alten Buche.

Führungen: www.blumberger-muehle.de

Weltnaturerbe Buchenwald: http://weltnaturerbe-buchenwaelder.de