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"Vom Reichtum alter Wälder"


-Jahrhunderte alte Wälder sind ein Hort hochspezialisierter Lebewesen -


Unweigerlich stellt sich beim Gang durch alte Wälder ETotholz in alten Waeldern:  El-Dorado für Pilze, Moose und Flechtenhrfurcht ein. 200 und mehr Jahre alte Baumriesen, rasch oder allmählich absterbende Individuen, stehende und liegende Baumleichen und dazwischen auf lichten Stellen immer wieder neues Leben, nachwachsende Bäume. Diese alten Wälder sind selten geworden. Doch auf einigen Standorten in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern haben sie überlebt. Zukünftig werden diese Heimstätten gefährdeter Lebensgemeinschaften, so der erklärte Willen der Gesetzgeber, mehr Raum erhalten.

Historisch alte Wälder sind definiert als seit wenigstens 250 Jahren, andere Quellen sprechen von vielen hundert Jahren, ununterbrochen mit weitgehend naturnahen Baumarten bestandene Flächen. Für den Naturschutz werden diese Wälder besonders interessant, wenn diese möglichst Jahrhunderte lang bestenfalls extensiv, im Idealfall gar nicht, genutzt wurden. Vom Menschen niemals genutzte Wälder, Urwald im Wortsinn, gibt es in Deutschland nicht mehr.

Wälder gehören zu den Ökosystemen, die erst nach sehr langer Zeit die gesamte Palette charakteristischer Strukturen, Habitate und Lebensgemeinschaften ausbilden. Indikatorarten für sehr alte Wälder, sogenannte Urwaldreliktarten, leben nur in Gebieten, die seit vielen hundert Jahren oder gar seit Jahrtausenden ununterbrochen mit Wald bestanden sind. Diese Arten, überwiegend Insekten, deren Vorkommen alte Wälder nachweist, sind durch besonders spezifische ökologische Ansprüche sowie eine auffallend geringe Mobilität gekennzeichnet. Einige dieser Insektenarten sind eng an das Vorkommen bestimmter Verrottungs- und Feuchtegrade von Totholz gebunden. Fehlt diese Ausprägung im näheren Umfeld, kann die Art rasch lokal aussterben. So ist die rund 3 cm lang werdende Käferart Eremit (Osmoderma eremita) zur Fortpflanzung auf den "schwarzen Mulm" in Höhlen alter noch lebender Laubbäume angewiesen. Der flugfaule Käfer legt selten einmal lange Strecken von 1 bis 2 km zurück.

Hier oder Nirgendwo: Sensible Lebensgemeinschaften

Neben Tierarten können Pflanzenarten historisch alte Wälder anzeigen. Als treffende Indikatorarten gelten etwa Waldmeister, Bingelkraut oder die Einbeere. Ebenso kann ein großer Reichtum an holzzersetzenden Pilzarten auf alte Waldstandorte deuten. Und ein unverwechselbares Erkennungszeichen alter Wälder ist der Boden. Der Boden ist in wenig von Menschen beeinflussten Wäldern das Ergebnis eines Jahrhunderte oder gar Jahrtausende langen natürlichen Entwicklungsprozesses. Er ist durch eine charakteristische physikalisch-chemische Struktur sowie eine standortgemäße arten- und individuenreiche Lebensgemeinschaft gekennzeichnet. Bereits ein einfaches Bodenprofil lässt meist erkennen, ob und wann auf diesem Standort etwa vorübergehend Ackerbau betrieben wurde oder eine Nadelwaldmonokultur stand. Die im Boden alter Wälder lebende Tierwelt ist noch wenig untersucht.

Bei dem herrschenden Nutzungsdruck und den hohen Holzbedarf mag es nicht verwundern, dass rezente alte Wälder im nordöstlichen Deutschland meist auf abgelegenen steinreichen Endmoränenzügen mit hoher Reliefenergie und feuchten Senken überdauert haben. Landwirtschaftliche Nutzung war hier kaum möglich und Hieb und Abtransport der Bäume gestalteten sich in aller Regel äußerst beschwerlich. Auch die Jagdleidenschaft der jeweils Herrschenden sowie die unvermittelt gedeihende Wertschätzung der Natur in der Romantik haben dazu beigetragen, den einen oder anderen alten Wald bis heute zu bewahren. Dass dabei auch alte Hutewälder, wie etwa das "Breite Fenn" bei Oderberg als Urwald geschützt wurden, sind aus heutiger Warte eher amüsante Randerscheinigen aus einer Zeit, als Naturschutz noch in Kinderschuhen steckte.

"Heilige Hallen"

Das bekannteste Beispiel eines alten Waldbestandes sind wohl die in Mecklenburg-Vorpommern auf rund 25 Hektar stockenden "Heiligen Hallen". Um 1850 wurde dieser mutmaßlich älteste Buchenwald Deutschlands vom Großherzog Georg von Mecklenburg-Strelitz "als für alle Zeiten zu schonen" geschützt. Im Norden Brandenburgs finden sich unter anderem im "Faulen Ort" sowie im "Grumsiner und Redernswalder Forst" Relikte dieser Lebensgemeinschaften.

Unter natürlichen Verhältnissen böte sich ein völlig anderes Bild: Die Wälder des nordostdeutschen Tieflandes würden eindeutig von der Rotbuche dominiert. Diese konkurrenzstarke Baumart bevorzugt nährstoffreichere tiefgründige und gut wasserversorgte Standorte. Sie kann ein Lebensalter Alte Baeume: ehrfurchgebietende Wesenvon 250 bis in Ausnahmefällen 350 Jahren erreichen. Dabei wird sie bis zu 50 Meter hoch und wächst zu einem Durchmesser von weit über einem Meter heran. Frühere theoretische Vorstellungen von Buchenurwäldern zeichneten meist gleichaltrige Hallenbestände, die nach Erreichen ihres Maximalalters großflächig zusammenbrechen. Dies mag für bestimmte Mittelgebirgslagen durchaus zutreffen. Doch dieser Ansatz vernachlässigt die ungeheuere Dynamik, die gerade naturnahe Buchenwälder im Tiefland von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern prägt. So verzweigen sich viele Buchenstämme in zwei kleinere Stämme, welche die Kronenlast tragen. Förster bezeichnen diese Bäume als Zwiesel. An der Astverzweigung sammelt sich Regenwasser. So können hier Faulstellen entstehen und holzzerstörende Pilze eindringen. Buchen, die an diesen Schwachstellen auseinandergerissen wurden und weit vor ihrem natürlichem Lebensende sterben, sind ein häufiger Anblick. Sturmwürfe tun ihr Übriges. Neuere Erkenntnisse lassen zudem vermuten, dass Buchenurwälder weit baumarteinreicher sind als erwartet. Das gilt vor allem für Buchenwälder auf oftmals ausgesprochen stark reliefierten Endmoränen. Allein die atemberaubende kleinstandörtliche Vielfalt, auf engem Raum wechseln trockene Kuppen, steile Hänge und feuchte und nasse Senken, bedingt eine Baumartenvielfalt. So gelten Winterlinden, Hainbuchen, Eschen oder Spitzahorn als potenzielle Begleitbaumarten in nordostdeutschen Buchenurwäldern.

Platz für wilde Wälder

Was heute vielfach noch Spekulation ist, kann vielleicht schon in einem Jahrhundert überprüft werden. In Keimzellen für neue Buchenurwälder, deren Wurzeln im Nationalparkprogramm der ehemaligen DDR liegen. Dabei wurden Großschutzgebiete ausgewiesen, die so genannte Kernzonen oder Totalreservate enthalten. Diese Urwälder von morgen liegen etwa im Nordosten Brandenburgs im Grumsiner Forst, der Poratzer Endmoräne, dem Melzower Forst dem Gartzer Schrei sowie in Mecklenburg-Vorpommern im Nationalpark Müritz. Auf diesen Flächen ruht jegliche menschliche Nutzung. In Mecklenburg-Vorpommern werden zudem seit 1995 Naturwaldreservate geschützt. Bei der Auswahl werden wenig veränderte alte Waldstandorte bevorzugt. Auch auf diesen Flächen ruht nach Ausweisung jede menschliche Nutzung.

Bereits 14 Jahre nach dem Nutzungsstopp haben diese geschützten Wälder ihre Gesichter deutlich verändert. Allenthalben finden sich in den riesigen Freilandlaboratorien liegende und stehende Baumleichen, an deren Stämmen sich Fruchtkörper holzzersetzender Pilze drängen. Alte Buchen beherbergen mehr als 250 holzzersetzende Pilzarten. Fällt auf diese Freiflächen ausreichend Licht, wächst hier bereits der Urwald von morgen. Dazu muss allerdings unbedingt die Wilddichte niedrig gehalten werden.

Doch diese neu entstehenden Buchenurwälder sind zu kleinflächig und zu weit voneinander getrennt, um gefährdeten "Urwaldreliktarten" ein dauerhaftes Überleben und weitere Ausbreitung zu gewährleisten. So wird in neueren Konzepten dafür plädiert, auch alte Buchenwälder ohne besonderen Schutzstatus so naturnah zu bewirtschaften, dass neben dem Gewinnstreben der Besitzer weitreichende Artenschutzaspekte berücksichtigt werden.

Von der Natur lernen...

Die Kernaussage dieser naturnahen Bewirtschaftungsformen lautet, dass die Bäume in Buchenwäldern mehr Zeit erhalten und älter werden dürfen. Der Hieb dieser Buchen erfolgt nicht mehr bestandesweise, sondern einzeln. Sobald eine Buche einen bestimmten Zieldurchmesser erreicht hat, kann sie gefällt und verkauft werden. Dies dabei entstehenden lichten Flächen gehören der Naturverjüngung, dem Wald von morgen. Zudem wird gefordert, auch im Wirtschaftswald einige alte Bäume natürlich absterben zu lassen. Dies erhöht die Totholzanteile, die Brutmöglichkeiten für Höhlenbrüter sowie das Mulmangebot für spezialisierte Insektenarten und Pilze. Das immer wieder auftauchende Vorurteil, Totholz sei Brutstätte von Waldschädlingen, ist so unsinnig wie längst widerlegt. Um eine natürliche Verjüngung der Baumarten ohne Zaunbau oder sonstige Einzelschutzmaßnahmen zu ermöglichen, müssen die Schalenwildbestände klein gehalten werden. Dies bedarf einer effektiven Bejagung mit zielführenden Jagdmethoden. Klar ausgewiesene Rückegassen sollen das Befahren des gesamten Bestandes und die damit verbundenen Beeinträchtigungen des Bodens begrenzen.

Es ist unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht davon auszugehen, dass diese naturnahe Bewirtschaftung auf alten Buchenwaldstandorten kostendeckend erfolgen kann. So bleiben die Fragen, in wieweit geeignete Landeswaldflächen zukünftig nach diesen Regeln bewirtschaftet werden und ob sich Privatwaldbesitzer mit dem Primat Jagd für diese naturnahe Buchenwirtschaft gewinnen lassen. Die bizarren Bilder alter Wälder machen jedenfalls Mut.



veröffentlicht im Naturmagazin Berlin-Brandenburg-Mecklenburg-Vorpommern 6/2004

Copyright Roland Schulz