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"Durch die Hölle und zurück"

- Der lange Leidensweg des an Borreliose erkrankten Günther Schust -

Mit den ersten warmen Sonnenstrahlen werden Zecken aktiv. Es ist bekannt, dass sie Erreger von Hirnhautentzündungen übertragen. Dagegen kann man sich impfen. Kein Impfstoff schützt vor der beim Zeckenstich übertragenen Borreliose: Erfahrungsbericht eines Opfers.

Nach 11 Jahren hat Günther Schust gelernt, mit den Folgen einer fortgeschrittenen Lyme-Borreliose zu leben. Der Weg zu diesem labilen Gleichgewicht war oftmals quälend und einsam.

Begonnen hat alles im Sommer 1995 mit einem Stich in die Wade. Scheinbar harmlos. Wochen später der erste Schock: "Ich stand im Büro, ein Schreiben in der Hand und wusste plötzlich nicht mehr, was ich damit anfangen wollte." Die Folge: Schweißausbrüche und panische Angst.

Monate später, kurz vor Silvester 1996, betreut der MaschinAkten zur Borrelioseenbau-Ingenieur ein Projekt in China. Hier häufen sich mysteriöse Symptome. "Nachdem ich eine Treppe schnell hochgelaufen bin, wurde mir schwarz vor Augen. Dazu kamen nie gekannte Wahrnehmungsstörungen wie schiefe Wände oder Fenster." Nachts stellten sich Herzrhythmusstörungen und Herzrasen ein.

Nach ergebnislosen Untersuchungen in der Herzklinik Hongkong bricht Schust die Dienstreise ab. Es sollte seine letzte gewesen sein. "Wenn ich heute daran denke, wie unwissend ich damals war," schwingt noch immer Fassungslosigkeit mit.

474 Termine bei 59 Ärzten

Mit den Leiden begann der Ingenieur seine Odyssee "durch die Hölle und zurück." Sie hat ihn bislang zu 474 Terminen bei 59 Ärzten, Heilpraktikern und Krankenhäusern geführt. Mit vielfältigen Diagnosen. Psychologen führten die Symptome auf Stress oder Depressionen zurück. Neurologen erkannten Fehlfunktionen im Zentralnervensystem. Ein Arzt schloss eine Erkrankung an Borreliose gar definitiv aus.

Endlich, kurz nach Silvester 2000, die erlösende Nachricht. Der Ulmer Arzt Dr. Kratzsch ist sicher: "Herr Schust, Sie haben chronische Borreliose." Ein Stück weit Erlösung, weil nun eine lindernde Therapie mit dem Antibiotikum Rocephin beginnen konnte.

Sechs Jahre nach dieser Diagnose führt die Lyme-Borreliose in Deutschland noch immer ein gesellschaftliches Schattendasein. Das hat Ursachen. So wurde der bakterielle Erreger, Borrelia Burgdorferi, erstmals 1982 beschrieben. Und: Die "heimtückische" Krankheit könne noch Jahre nach der Infektion ausbrechen. Wer mag sie dann noch ursächlich mit einem Zeckenstich verknüpfen? Als weiteren Grund äußert Schust vielfältige Symptome: "Neben den genannten können chronische Müdigkeit, Kopfschmerzen, Sprachstörungen, Fieber, Hörstürze, Hautausschläge, unerträgliche Muskelschmerzen und andere mehr auftreten." In der Summe so gravierend, dass sie immer wieder Betroffene in den Selbstmord als letzten Weg aus dieser "miserablen Lebensqualität" treibt.

Jährlich 60.000 Neuinfektionen in Deutschland

Um dem vorzubeugen und die Forschung zu intensivieren, widmet sich Schust als Vorstandsmitglied der Deutschen Borreliose-Gesellschaft e.V. der Aufklärung. Bei seriös geschätzten jährlich rund 60.000 Neuinfektionen allein in Deutschland besteht akuter Bedarf. Zumal sich in den zurückliegenden warmen Sommern Zecken vermehrt und Gebiete bis nach Nordschweden besiedelt haben. Mit ihrem Stich können sie in allen Entwicklungsstadien, von der weniger als 1 Millimeter kleinen Nymphe bis zu den erwachsenen Tieren, Borrelien übertragen. Dabei ist etwa jede vierte Zecke Wirt dieser Bakterien. Bis heute fehle eine absolut sichere Labordiagnostik.

Als untrügliches Anzeichen einer Infektion nennt Schust Wanderröte: "Um den Stich kann in den Folgetagen eine ringförmige Hautrötung entstehen, die nach außen wandert." Diese trete allerdings nur in rund 50 Prozent aller Infektionen auf. Deshalb rät der Ingenieur, die Zecke vorsichtig am Kopf mit einer Pinzette packen, keinesfalls quetschen, entfernen und aufbewahren. "Damit schnellstmöglich zum Arzt und eine Behandlung mit Antibiotika durchführen." Ergänzend sollte dieser die Zecke an ein Labor senden und auf Borreliose testen lassen. Denn: Je früher die Diagnose, desto besser die Behandlungschancen.

Der in Satteldorf ansässige Günther Schust hat seinen Weg zurück ins Leben gefunden. Narben sind geblieben: "Belastend ist das völlige Unverständnis in der Öffentlichkeit sowie der Rückzug von Bekannten und Verwandten. Sie können sich diese Leiden oftmals nicht erklären oder vorstellen." Keinen Groll hegt er gegenüber Ärzten, die mit den komplexen Symptomen dieser wenig erforschten Krankheit nicht immer vertraut sind. Ein Wunsch? "Unsere Gesellschaft muss diese Krankheit endlich ernst nehmen und intensiv erforschen."


veröffentlicht in Südwestpresse 18. April 2006

Copyright Roland Schulz