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Der Zeit voraus

- Die Erfolgsgeschichte eines kleinen Dorfes in der Uckermark -

In dem kleinen Dorf im Nordosten Brandenburgs wirbelt der heiße Sommerwind tanzende Staubwolken über das Straßenpflaster. Auf den ersten Blick scheint auch hier, wie in so vielen anderen Dörfern der Uckermark, die Zeit stillzustehen. Doch dieser erste Eindruck trügt. 1991 haben ortsansässige Landwirte, Naturschützer und der Pfarrer beschlossen, ihren eigenen Weg zu wagen. Einen Weg, der wirtschaftliche, ökologische und, noch ganz in der DDR-Tradition, soziale Aspekte verbindet. Nur zwei Jahre nach der politischen Wende haben sie das "Ökodorf Brodowin" ausgerufen und begonnen, ihre Vision der Agrarwende zu verwirklichen.

Seit nunmehr zehn Jahren bewirtschaftet der landwirtschaftliche Betrieb, das Herz der 400-Seelen-Gemeinde, 1240 Hektar nach Demeter-oekodorf brodowin: logoRichtlinien. Der Biohof muß dabei genau vorgegebene Regeln beachten, deren Einhaltung bei unangekündigten Kontrollbesuchen überprüft wird. So ist etwa der Einsatz chemischer Düngemittel und Pestizide strikt verboten. Stattdessen werden der Mist der 550 Rinder und besondere Mixturen, sogenannte Präparate, in homöopathisch winzigen Mengen auf die Felder gebracht. Diese Präparate werden nach geheimnisvollen Rezepturen und Ritualen unter genauer Beachtung des Mondstandes hergestellt. All dies hat bei den eher konservativen Uckermärkern zunächst ungläubiges Staunen und fassungsloses Kopfschütteln hervorgerufen.

"Am Anfang waren wir mutterseelenallein." erinnert sich Peter Krentz (40), Geschäftsführer der Brodowiner Landwirtschafts GmbH und Co. KG, an die ersten schweren Jahre. Heute ist der landwirtschaftliche Betrieb einer der größten und modernsten Biohöfe in ganz Europa. Brodowin - ein Modell für die Zukunft?

An erster Stelle steht in Brodowin die Produktion schadstofffreier Lebensmittel. Darüber hinaus hat die umweltschonende Landbewirtschaftung deutlich die Qualität der Ackerböden, des Grundwassers und der Seen verbessert. Und eher nebenbei wird die wunderschöne hügelige Landschaft, Lebensraum so seltener Tierarten wie Kranich, Seeadler oder Rohrdommel, gepflegt. Dass sich all dies touristisch als "Toscana des Nordens" vermarkten läßt, belegen einladende Pensionen im Dorf, die von einem gewissen Wohlstand künden.

Arbeitsplätze erhalten

"Wir machen das, damit auch unsere Kinder noch stolz darauf sein können, hier zu leben", erläutert Krentz. Zum zehnjährigen Jubiläum, das am 8. September mit einem großen Hoffest gefeiert wird, scheint der Betrieb auf einem erfolgreichen Weg. So arbeiten auf dem Biohof neben 60 Festangestellten zusätzliche Saisonarbeiter. Auf anderen uckermärkischen Betrieben vergleichbarer Größe sind zwischen fünf bis höchstens 30 Personen beschäftigt. Selbst der Chef des zuständigen Arbeitsamtes in Eberswalde, Uwe Minta, bekommt glänzende Augen, wenn er die ermutigende "Leuchtturmfunktion" Brodowins in Zeiten erschreckend hoher Arbeitslosigkeit betont. Während die Arbeitslosigkeit in der Uckermark weit jenseits der 20-Prozent- Marke liegt, sind es im Ökodorf sieben Prozent.

Die noch junge Vergangenheit des Ökodorfes liest sich denn auch wie eine endlose Erfolgsgeschichte. 1994 wurde ein moderner Laufstall für Kühe errichtet. In den mit Tageslicht durchfluteten Ställen laufen die Kühe auf strohbedecktem Boden frei umher. Wenn sie nicht gerade auf einer der großen Weiden grasen. Im gleichen Jahr wurde der eigene Hofladen eröffnet. "In der eigenen Verarbeitung und Vermarktung unserer Produkte sehen wir die ganz große wirtschaftliche und soziale Chance." Mit anderen Worten, je weiter die Produkte verarbeitet werden und je weniger Zwischenhändler eingeschaltet werden, desto mehr Geld wird verdient. Wer im Hofladen wurmstichige Äpfel und verschrumpfeltes Mickergemüse erwartet, wird eines besseren belehrt. In bunten Farben leuchten dem Kunden vielfältige heimische Gemüse und Obstsorten entgegen. 1995 wurde ein eigenes Logo entwickelt. Heute wirbt es auf jährlich über 800.000 Milchflaschen für den Biohof und die gesamte Uckermark. Ebenfalls 1995 wurden erste zaghafte Schritte im Gemüseanbau gewagt. Heute belegen große moderne Gewächshäuser mit endlos scheinenden Tomatenreihen und meterhohen Bohnendickichten die große Bedeutung dieses Produktionszweiges. Und weiter ging es Schlag auf Schlag. 1997 konnte die betriebseigene Molkerei eingeweiht werden. Noch im gleichen Jahr wurden die ersten zehn "Abokisten" bestellt. Mittlerweile werden mehr als 1700 überwiegend Berliner Haushalte damit beliefert. Bei der individuellen Zusammenstellung ihrer Abokisten können die Kunden zwischen über 60 Gemüsesorten, Kräutern, verschiedenen Milchprodukten, Broten, Säften, Fleisch und Wurst wählen. "Wir haben einen entscheidenden Frischevorteil. In unseren Kräutersträußen hängen noch Tautropfen. Unsere Milch wird morgens gemolken und ist mittags verarbeitet. Milch aus Großmolkereien kommt erst vier Tage später zum Kunden." Neben dem Stolz auf das in zehn Jahren Erreichte klingen plötzlich Zukunftssorgen mit. "Jetzt bremsen wir schon, das ging in den letzten Jahren alles sehr schnell. Nehmen Sie die Abokisten. In nur fünf Jahren von zehn Stück auf 1700. Wenn hier Qualität und die pünktliche Lieferung nicht stimmen, kann uns das umbringen."
Dieses Bremsen kann den agilen Geschäftsführer allerdings nicht von der Planung neuer Projekte abhalten. "Wir arbeiten an der Herstellung eigener Säfte. Auch unsere Wurstproduktion wird in naher Zukunft anlaufen. Gott sei Dank müssen wir unsere Tiere nicht durch Europa karren. Wir bringen se zu dem Schlachthof im nur 30 Kilometer entfernten Bad Freienwalde."
Da ist er wieder, dieser regionale Ansatz, das Brodowiner Motto: Nur gemeinsam sind wir stark. Und so wirbt der Agraringenieur scheinbar unermüdlich für das Ökodorf. Heute spricht er auf einer PDS-Veranstaltung, die nächste Woche bei den Grünen/Bündnis 90 und anschließend auf einer Podiumsdiskussion der Fachhochschule Eberswalde. Thema Agrarwende. Krentz ermutigt die Uckermärker zur Nischenproduktion. "Eier, Geflügel, Obst- oder Beeren. Das könnten sie alles in unserem Hofladen vermarkten, in unseren Abokisten verkaufen. Aber kaum einer in der Region macht das." Um nach einer kurzen Pause hinzuzufügen: "Vielleicht geht es hier vielen immer noch zu gut."

Skeptiker und Verbündete

Nicht alle Dorfbewohner sind überzeugt vom Brodowiner Weg. Hinter vorgehaltener Hand ist die Rede von den zahlreichen Wessis, die im Betrieb und Dorf zunehmend Einfluss gewinnen. Andere, die ohne Arbeitsstelle geblieben sind, beklagen, dass zuviele Nicht-Brodowiner beschäftigt werden. Und hie und da wird gemunkelt, dass die Landwirtschafts GmbH nur durch übermäßige finanzielle Unterstützungen des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin so weit gekommen sei. Unterstützungen, die anderen landwirtschaftlichen Betrieben vorenthalten wurden. Peter Krentz weiß um diese Gespräche und bemerkt, dass solche Aussagen natürlich dem Image schaden. Eine Spur bitterer beklagt er, dass es immer noch Kommunalpolitiker gibt, "die uns das Leben unnötig schwermachen. So steht uns der Amtsdirektor nicht einmal wohlwollend gegenüber. Für den sind wir einfach grün." Und "grün" bedeutet in der Uckermark Spinner, weltfremder Idealist, Sündenbock.

Größer scheint allerdings die Fraktion der Befürworter und Verbündeten, die den "Brodowiner Weg" mit all seinen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Erfolgen begleiten und mittragen. An erster Stelle steht hier das UNESCO-Großschutzgebiet Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Von Beginn an wurde der Biohof in zahlreichen Vorträgen und Exkursionen als der Musterbetrieb für umweltschonende Landwirtschaft vorgestellt. Oder das Arbeitsamt Eberswalde. Schüler erhalten an Schnuppertagen Einblicke in den Arbeitsalltag, sammeln Informationen und können sich für Ausbildungsplätze bewerben. Nicht zu vergessen die Berliner Universitäten, an denen seit 1991 Dutzende wissenschaftliche Untersuchungen über Brodowin durchgeführt wurden. Daneben belegen zahlreiche von Land und Bund geförderte Forschungsprojekte das überregionale Interesse am Modell Brodowin.
Unzählige Stunden hat Krentz in all diese Kooperationen bislang investiert. Zeit, die ihm für andere Aufgaben fehlt. "Es ist aber immer für beide Seiten lehrreich gewesen. Da wurden zum Teil ganz komische Fragen gestellt, ganz neue Aspekte beleuchtet." Und sehr bestimmt: "Ich achte jede andere Auffassung. Wir lassen uns aber auch vom Naturschutz keine Käseglocke überstülpen."
Das scheint auch gar nicht beabsichtigt. Denn für Hartmut Vogtmann, den Chef des Bundesamtes für Naturschutz, ist der Brodowiner Biohof schon heute ein erfolgreiches Modell für die Zukunft, der Interessen von Landwirtschaft und Naturschutz beinahe optimal miteinander verbindet.


veröffentlicht im Wochenendjournal Märkische Oderzeitung 29./30.Sept. 2001

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