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Ein Leben für die Großen Drei

Ranger aus 23 Ländern erleben Management von Wolf, Luchs und Bär in Kroatien

In Deutschland leben rund 550 Wildbienenarten, weltweit sind es geschätzte 20.000. Eine imposante Zahl und doch nur ein Tropfen im Meer der Biologischen Vielfalt. In Deutschland arbeiten mehr als 500 Naturwächter, Ranger, für den Erhalt dieser Biologischen Vielfalt. Und weltweit sind es, na raten Sie mal, vielleicht um die 20.000. Die Brücke zwischen Wildbienenarten und Rangern ist deutlich: Die Summe sämtlicher Tier- und Pflanzenarten weltweit bildet das immer mürber werdende Gerüst der Biologischen Vielfalt. Allein in Brandenburg sind rund 50 % der mehr als 6000 Arten gefährdet. Um im Bild zu bleiben: Der Meeresspiegel sinkt. Ranger arbeiten für die Erhalt dieser bunten Vielfalt. Selten kommen sie zusammen, teilen Erfahrungen, diskutieren und ringen um Lösungen im Kampf gegen das Artensterben. Zuletzt Mitte Mai dieses Jahres:130 Ranger aus 23 Ländern beim 3. Europäischen Ranger Trainigsseminar, in Kroatien, auf der Insel Brijuni.

Kroatien ist mit 56.500 Quadratkilometern ein kleines Land, gerade einmal doppelt so groß wie Brandenburg. 4,3 Millionen Menschen leben hier, 23 % davon sind arbeitslos. Viele junge Menschen, jeder zweite unter 25 Jahre ist ohne Einkommen, suchen anderswo ihr Glück. Wie die Luchse. Viele haben freie Reviere im benachbarten Slowenien besetzt, nachdem grenznah lebende Luchse dort gefangen und anderswo ausgesetzt wurden. Doch diese abgewanderten Tiere fehlen jetzt in Kroatien. Wie morgen die jungen Menschen, die heute fort gehen.

Die rund 1000! Braunbären und 250 Wölfe bleiben überwiegend im Land und nähren sich redlich. Grundsätzlich jedenfalls. Damit dies so bleibt und gelegentliche Konflikte zwischen Menschen, Bären und auch Honigbienen einvernehmlich geregelt werden, gibt es Managementpläne für diese drei großen Fleischfresser. Managementpläne, die Ländergrenzen zwischen Kroatien und Slowenien ebenso wie diese "Großen Drei" ignorieren. Und es gibt Djuro Huber mit seinem Team, den rund 50 Ranger bei ihrer Tagesexkursion im Nationalpark "Risnjak", zu deutsch "Luchs", bei der Arbeit erleben durften. Huber arbeitet seit 1981 im Auftrag der Braunbären, Menschen und der Biologischen Vielfalt. Wahrscheinlich, so bin ich mir wenige Stunden später sicher, hat er diesen dreien sein Leben verschrieben.

Der ausgebildete Veterinär Huber, ein energiegeladener präsenter Mittsechziger mit klaren Augen, die noch lachen könne, fackelt nicht lange. Im Zentrum seiner Arbeit, gemeinsam mit seinem Team natürlich, steht die Populationskontrolle von Bär, Wolf und Luchs. Die Methoden sind Standard: So skizziert etwa der seit 2013 geltende Brandenburger Wolfsmanagementplan diese Methoden in Kapitel 6.1, Monitoring. Einige Tiere werden gefangen und sie bekommen Sender, meist an Halsbändern, angelegt, die über Jahre die Wanderungen der Tiere transparent machen. Klar, dass dabei jeweils DNS-Proben genommen werden. Zusätzliche Kotanalysen auf DNS-Spuren geben Aufschluss über die Individuendichte sowie die Raumnutzung einzelner Tiere. Luchse werden zudem mit Fotofallen anhand ihrer jeweils einmaligen Fellzeichnungen identifiziert. Die ganzen Erfassungsmethoden der Populationen sind natürlich um vieles komplexer.

Spannend wird es, als Professor Huber, den Aufbau und die Funktion ausgetüftelter Lebendfallen vorstellt. Den beiden Mitarbeitern seines Teams lässt er dabei kaum einen Handgriff, so intensiv ist er bei der Sache. "Bärenfallen stellen wir einfach an begangenen Wechseln auf, meist zwischen zwei Bäumen, das klappt." Fallen für Luchse kommen an gerissene Rehe. "Luchse fressen mehrere Tage daran, die kommen wieder." Komplizierter wird es beim Wolf: "Hier kochen wir die Fallen aus, arbeiten nur mit Handschuhen und Sprechen ist beim Scharf machen der Fallen strikt verboten." Schon die geringste Speichelspur, könnte den seit Jahrhunderten vom Menschen verfolgten Isegrimm zum Abdrehen bewegen. Dann noch die Urinspur eines Wolfes aus einem anderen Rudel an einem Baum neben der Falle platziert und das Warten hat begonnen.

Wehe, ein Grüppchen von Rangern beginnt im Verlauf dieser Demonstrationen eine Randunterhaltung. Die fordernde Botschaft von Huber ist deutlich: Ich widme Euch hier einen Tag meiner wertvollen Zeit und bitte, dies zu honorieren!! Warum, so frage ich mich, unterbricht er dann seinen Vortrag unvermittelt, als sein Mobiltelefon klingelt?

Huber ist ein viel beschäftigter Mann. Gleich nach dem Telefonat, mögliche Inhalte werden wir später erfahren, zieht er eine Decke von einem schwarzen Zementkübel. Ein kleiner Bär! Die Reste davon. "Gestern haben wir ihn von einer Bahnstrecke geholt." Da bleibt kein Platz für Zimperlichkeiten. Die Untersuchungen und Messungen an dem blutigen Fell- und Knochenbündel ergeben: 16 Monate alt, 34 Kilogramm und zur falschen Zeit am falschen Ort. Randnotiz: Ausgewachsene männliche Braunbären erreichen hier 220 kg, weibliche Tiere die Hälfte.

Wieviele Bären fallen dem Verkehr zum Opfer, lautet eine Rangerfrage. Kurzes Zögern: "Vielleicht 20 im Jahr?" So wenig?

Warum das Management der Großraubtiere in dem kleinen Land weitgehend funktioniert? Weil ausgebildete Experten jeden Riss von Schafen, Ziegen und Rindern begutachten. War es die belegte Attacke eines Wildtiers, gibt es Entschädigung. Weil die Anschaffung von Herdenschutzhunden unterstützt wird.

Weil auch Imker Elektrozäune erhalten, mit denen sie ihre Völker vor Meister Petz` unstillbarer Lust auf Süßes schützen können.

Weil es eine gute Zusammenarbeit beim Wildtiermanagement mit dem angrenzenden Slowenien gibt. Wölfe und Bären ignorieren nationale Grenzen genauso wie das europaweite Schutzgebietsystem Natura 2000.

Weil sich das kleine Land Wildbrücken, sogenannte Grünbrücken, leistet. Aktuell elf an der Zahl, bislang. Jede zwischen 100 und 200 Metern breit. Ob sie genutzt werden? Hubers Augen lachen: An der Autobahn zwischen Karlovac und Rijeka wurden mittels Infrarotschranken in einem Jahr mehr als 6000 Tiere ab Fuchsgröße gezählt, die sicher diese Autobahn überwunden haben. Etwa 10 % davon Bären.

Weil die Populationsgrößen Jahr für Jahr mit einem aufwendigen Monitoring erfasst werden. Nicht nur hierbei, eine Selbstverständlichkeit im Nebensatz verpackt, unterstützen Ranger das gelingende Neben- und Miteinander von Mensch, Wolf, Luchs und Bär.


Tja, und dann gibt es da noch das Projekt "Jagen für Nachhaltigkeit". Huber, ein Vater des Bären-, Luchs- und Wolfsmanagements in Kroatien, in seinem Fachgebiet europaweit vernetzter "Hans-Dampf-in-allen-Gassen", ist auch hier dabei. Kann das passen? Erst schützen, dann schießen?

"Wir erheben die Populationen der drei Arten Jahr für Jahr. Sobald wir mehr als rund 1000 Bären oder 250 Wölfe haben, geben wir den Überschuss zum Abschuss frei." Dies geschehe in Gebieten mit den häufigsten Wolfsattacken auf Viehbestände. Dass, so der passionierte Professor, halte die Jägerschaft ruhig und gebe der Landbevölkerung und hier besonders den zahlreichen kleinen Viehhaltern die Gewissheit, dass ihr Zusammenleben mit den großen Fleischfressern klar geregelt sei. Und spült zudem willkommenes Geld in klamme kroatische Kassen: Ein deutscher Jagdreiseanbieter verhökert Schnäppchen im Internet: Für 2580.- " wartet auf furchtlose gut betuchte Waidmänner ihr "Wolf ohne Limit".

Wer nun glaubt, sich nassforsch an einem Wolf vergreifen zu können, der irrt. In diesem Fall drohen Strafen von bis zu annähernd 30.000.- €.

Vorab, ich habe Professor Huber gefragt, was er bei einer Wolfspopulation von etwa 70 Tieren in den deutschen "Provinzen" Sachsen und Brandenburg machen würde? Seine Antwort, er kann auch kurz: "Wachsen lassen." Dann noch hinterher: "In den 80er Jahren hatten wir in Kroatien noch 50 Wölfe".

Und der wohl wichtigste Grund für das im Großen und Ganzen funktionierende Management? "Wir haben Jahr um Jahr mit allen betroffenen Menschen, Viehhaltern, Bewohnern, Jägern, gesprochen, gesprochen, gesprochen." Selten waren es einfache Gespräche. Gespräche, die immer weitergehen, schwierig bleiben und doch gebetsmühlenartig verbinden.

Dann geht alles sehr rasch. Die Ranger erwandern den Nationalpark, ein Refugium von Wolf, Luchs und Bär. Huber identifiziert alte Kratzspuren, die Bärenpfoten in mehr als zwei Metern Höhe in die Borke einer vielleicht 300 Jahre alten Weißtanne graviert haben.

Später ein kurzes Tuscheln mit unserer "Reiseleiterin" Ivanca vom kroatischen Umweltministerium, wir lauschen weiterhin den Ausführungen zum alten Buchen-Tannen-Mischwald und urplötzlich sind Huber und sein Team von der Waldfläche verschwunden.

Zwei Stunden später, gleich nach dem Essen, wird der Grund hierfür aufgetischt: Hubers Mobiltelefon hat geklingelt. Eine Bärenmutter getötet, schon wieder ein Zug. Die beiden vier Monate alten Waisen müssen gerettet werden. Huber und sein Team werden sie einfangen und in das Refugium Ursorum Kuterevo im Velebitgebirge schaffen. Eine Schutzstation für verwaiste Braunbären, die im ersten Jahr ohne ihre Mutter nicht überleben können. Wissenschaftliche Beratung: Huber. Rettung mit Haken: Mit einem freien Leben für diese beiden Kleinen in den Wäldern Kroatiens und Sloweniens wird es nichts mehr. An Menschen gewöhnte Bären bleiben zeitlebens hinter Gittern. Gefangene ihrer falschen Prägung.

Was wohl der Gründer dieses 1992 eröffneten Waisenhauses, Ivan Crnkovic - Pavenka, zum Abschuss der Wölfe und Bären sagen würde? Nun, jedenfalls in einem ist sich sicher: Der Mensch im Umgang mit Bären über Jahrhunderte soviel Schuld auf sich geladen, dass es nun an der Zeit sei, ein wenig davon abzutragen.

Kroatien ist ein kleines überaus beliebtes Urlaubsland. Beim nächsten Urlaub in Kroatien, irgendwo an einer der fast 6000 km langen Küsten, in den Nationalparken Plitvitzer Seen, Risnjak oder bei einem Urlaub sonst auf der Welt oder in Brandenburg, denken sie bei einem schönen Naturerlebnis vielleicht an Menschen wie Huber. Und an die Männer und Frauen, die Ranger, die noch viel zu oft im Hintergrund für das größte Wunder und den wertvollsten Schatz arbeiten, den es weltweit zu erleben gibt: Die Biologische Vielfalt.

Roland Schulz

Veröffentlicht im Naturmagazin Brandenburg Berlin im Juli 2014