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Klangreise

- Abenteuer auf dem Schienenstrang -


Freiwillig 30 Kilometer Strampeln? Sich schutzlos Wind und Wetter ausliefern? Pausenloses Schienengeratter garantiert. Auf Wunsch ein Abstecher zum Weihnachtsmann. Und die Wiederentdeckung des Reisens nach Menschenmaß. Macht 46 Euro. An geraden Tagen vom uckermärkischen Templin nach Fürstenberg/Havel, an ungeraden Tagen von Fürstenberg nach Templin. Vier Sitze bietet jede der 45 feuerwehrroten Draisinen: Zwei gelgepolsterte Fahrradsättel für die Pedalritter und zwei Plätze auf einer harten Holzbank.

Am einem Montag im Mai beginnt die Fahrt bei Kilometer 121,8: Bahnhof Weidendamm. Unter einem grauen Himmel jagende Regenwolken wollen die kribbelnde Vorfreude ein wenig dämpfen. Doch vergebens.

Vor dem Start steht jetzt nur noch der Kontrolleur: Verschmitzes Gesicht über roter Arbeitslatzhose, erläutert er zwei lange Minuten den zukünftigen Draisinefahrern die Tücken der roten Renner. "Hier unten ist die Bremse. Unterschätzen Sie nicht den Bremsweg. Sonst rasen Sie an einer der draisine: haelt das wetter? fünf Straßenüberquerungen gegen eine Absperrschranke. Und nicht vergessen, spätestens bis 18 Uhr erwarte ich Sie in Templin."

10.15 Uhr. Endlich, das Abenteuer Schienenstrang hat begonnen. Sofort packen die auf rostroten Schienen rotierenden Eisenräder die Passagiere in eine schalldichte Glocke, die kaum ein Ton von außen durchdringt. "Welch ein Krach!!", so der sich unvermittelt aufdrängende erste Eindruck. Es ist, als ob das gleichförmige Geräusch von rollendem Eisen die Augen schärfen würde. Links und rechts auf dem Bahndamm ragen meterhohe fahlgelbe Königskerzen über dichtverfilzte Krautbrachen. Nach gerade einmal 300 Metern balanciert eine schwarze Katze mit weißen Pfoten auf dem Gleis. Noch während unsere Füße unsicher nach der Bremse tasten, ist die Schwarze in die Brache eingetaucht und bleibt verschwunden. Der erste Halt bei Kilometer 121. "60 m günstig Frühstück und Mittag", verheißt ein Schild.

Unermessliches Leid

Mit vier Händen wird die Draisine aus den Gleisen gewuchtet und auf einer hölzernen Plattform geparkt. Doch nicht das günstige Frühstück ist unser Ziel. Auf einem schmalen Trampelpfad verlaufen wir uns nach 200 Metern zwischen gelbblätternden verfallenden Gebäuden mit spitzgiebeligen Dächern. Wächterhäusern. Eine baufällige noch immer wuchtige Granittreppe führt hangabwärts zu einer Ausstellung, in der die Geschichte dieses Ortes lebendig bleibt. Baracken, Appellplatz, Erschießungsgang, Krematorium, im Wind rauschende Pappeln, Beete voller Rosen, die im Sommer rot unter dem süßen Duft von Lindenblüten blühen werden: das ehemalige Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. "Das unsagbare Leid hängt hier noch immer in jeder Ritze", kommentiert eine Besucherin.

Rückweg und Wiedereinstieg in die Geborgenheit der Schallglocke fallen zunächst schwer. "119,7" informieren schwarze Zahlen von einem weißem Steinquader mit Mooshaube ungerührt über die Position. Am linken Bahndamm gleiten in regelmäßigen Abständen hölzerne Masten mit porzellanweißen Isolatoren vorbei, von denen zerschnittene Drähte ins Nichts führen. Auf den Böschungen sind Kiefernsamen "angeflogen" und haben im groben Gleisschotter Wurzeln geschlagen. Die bis zu einem Meter hohen anspruchslosen Bäumchen verleihen dem Schienenstrang unverhoffte Unordnung zwischen all der stählernen Symmetrie und die Frage keimt, welche Erlebnisse die klingende Fahrt nach Osten bringen mag.

Immer enger schieben sich von beiden Seiten Kiefern- und Birkenwäldchen an die Schienen. Bei der Fahrt durch diese grünen Höhlen schützt gelegentlich nur ein rechtzeitiges Kopfeinziehen vor unliebsamen Begegnungen mit Ästen. Quer über die steilen Böschungen ziehen einige ausgetretene schmale Pfade: Wildwechsel. Doch Rot- und Damhirsche, Wildschweine und selbst Rehe werden wir heute nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Längst ist gemessen, dass jede halbe Pedalumdrehung zwei Schwellen Weg bedeutet. Betonschwellen meist, hin und wieder unterbrochen von vier bis fünf moosbegrünten Holzbohlen. Zwei Schwellen, ganz gleich ob unser Tandem müde schleicht oder mit voller Kraft dahinrast.

In Himmelpfort zum Weihnachtsmann

Kilometer 116,4: Bahnhof Himmelpfort. Hier wohnt der Weihnachtsmann. Auf hellgelben Sandwegen und regenbunten Pflasterstraßen vorbei an blütenbepackten Heidelbeersträuchern und dem Moderfitzsee -mit Badestelle- erreichen wir das alte Binnenschifferstädtchen. Die winzigen Gärtchen vor den geduckten Ziegelhäusern sind von respekteinflössenden Zäunen begrenzt. Nur wenige Gartentore weiter ruht das bereits im Jahr 1541 aufgegebene Zisterzienserkloster Himmelpfort. Knorrige Efeustrünke scheinen die backsteinroten Ruinen zusammenhalten zu wollen. Ein Blick hinter die im Jahr 1299 erbaute Klosterkirche findet eine uralte tiefbekronte Winterlinde. Sie muss den die die Uckermark geißelnden 30-jährigen Krieg als junger Baum überlebt haben.

Auf dem Rückweg grinst uns selbst im Mai ein hölzernes pausbäckiges Weihnachtsmanngesicht vom Touristenbüro entgegen. Jeden Dezember läßt der Weihnachtsmann hier arbeiten. Fleissige Helfer beantworten tausende von Wunschzetteln: "An den Weihnachtsmann, 16798 Himmelpfort". Oder nur: "Weihnachtsmann". Kommt an. Hundertprozentig.

Zurück am Bahnhof hüllen wir uns wieder in den wohlig bergenden Schallteppich unserer Draisine. Das gleichmäßige Rattern der Räder und der sonore Klang wecken Erinnerungen an im Leerlauf drehende Dieselmotoren mattroter Triebwagen. Doch deren letzte Fahrt auf der Strecke Fürstenberg-Templin liegt mehr als sechs Jahre zurück. "Wegen zu geringer Nachfrage stillgelegt", so die offizielle Begründung der Deutschen Bahn AG.

Vorbei an zwei ausrangierten Holzwaggons mit wehenden weißen Gardinen scheint unser feuerrotes Gefährt schwerelos über die Schienen zu fliegen. Begleitet von patroullierenden himmelblauen Libellen und zahllosen Gauklern wie leuchtenden Tagpfauenaugen, Zitronenfaltern oder den rötlich-weiß gemusterten Landkärtchen zählt jetzt nur das zeitlose Gefühl des losgelösten Rollens.

Warten auf den Prinz

Bei Kilometer 111,5 haben buntblühende Brachflächen zerfallende Verladerampen erobert. Wenige Meter weiter wartet das märchenhaft verwunschene Kleinstadt-Bahnhofsensemble von Lychen auf seinen Prinzen. Ob es noch etwas werden kann mit dem Wachküssen? Wie überall nagt auch hier die Zeit an Bauwerken, die nutzlos geworden sind.

Am Kilometerstein 109,7 beginnt ein kräftezehrender Anstieg. Die Fahrt wird schließlich so zäh, dass es dem klaren Gesang einer Nachtigall gelingt, unsere Schallmauer zu durchdringen. Nie zuvor registrierte Gefälle von 1 Prozent erhalten plötzlich Gewicht. Das beschwingende Geräusch der Räder wird zum müden Mahlen. 600 Meter weiter, am maroden Kurhotel Hohen Lychen, stoppt eine Schranke die Draisine. Wir bremsen, um nicht zurückzurollen. Absteigen, öffnen, erst links, dann rechts geschaut und schnell über die Straße. Der urdraisine: schranken verhindern die ungebremste fahrt über strassenplötzlich wieder leicht gewordene Tritt signalisiert: die Steigung ist geschafft. Weiter führen die Schienen durch alte Wälder, in denen sich zu dem brandenburgischen Kieferngrün, den gelegentlichen Birken und Eichen jetzt stattliche Buchen gesellen. Von der linken Böschung leuchtet mit der roten Pechnelke unübersehbar eine botanische Rarität. Der Kilometerstein 106,6 verheißt als Lohn für den schweißtreibenden Anstieg ein leichtes Gefälle. Vielleicht ein Prozent, vielleicht auch etwas darüber.

Bis zum Ende der Zeit

Unser ferrari-roter Renner beschleunigt wie von selbst und scheint nur so dahinzufliegen. Kaum Zeit, um neidlos den elegant über uns segelnden Schwarzen Milan zu registrieren. Können Draisinen entgleisen? Vorbei an wildbunt gesprenkelten schmetterlingsübersäten Böschungen stockt die rauschende Fahrt erst wieder bei Kilometer 101,4. Grund ist ein Anhalter am Schienenrand, der bis zum nächsten Rastplatz mitfahren möchte. Dort angekommen wird die Draisine geparkt und eine Entscheidung getroffen. Ein Kilometer nach Norden zur restaurierten Fachwerkirche in Alt-Placht oder drei zur Glashütte im südlich gelegenen Annenwalde? Annenwalde gewinnt. Mit Frank, dem Anhalter aus dem Erzgebirge, ziehen wir los. Der erste Wegweiser bleibt der einzige und so führen drei lange Kilometer durch endlos anmutende Getreidefelder, über weglose Waldlichtungen endlich doch noch zum Glasdorf. Die dort am 20. Dezember 2000 eröffnete Schau-Glasbläserei steht in der Tradition einer Preußischen Glasmanufaktur, die von 1754 bis 1865 das Annenwalder Dorfleben geprägt hat. Doch Montag ist Ruhetag. So entgehen uns die ausgestellten historischen Prunkgläser und Pokale ebenso wie die aktuell in Kleinserie produzierten Trinkgläser. Und wir verpassen, was fast noch schwerer wiegt, die Glasmacher bei ihrer schweißtreibenden Kunst. Immerhin stehen uns die Türen der "Kleinen Schorfheide, Bester Landgasthof 1999 – Landessieger", offen. Doch der Blick auf die Uhr mahnt zur Eile. Ein hastiges Bier und auf dem Rückweg hat uns die Zeit endgültig eingeholt. Nach dem Abschied von Frank erwartet uns doch noch unsere Tour de Uckermark mit Stress wegen der unausweichlich gewordenen Zeitüberschreitung. Trotz brennender Oberschenkel entstehen dabei die eiligen Eindrücke einer vorbei rauschenden Weidelandschaft mit genüsslich wiederkäuenden Kühen, tiefbekronten allein stehenden Eichen und einer formvollendeten Lindenallee. 18.23 Uhr. Kilometer 93,8. Schweißgebadet rollen wir als Tagesletzte in der Basisstation Templin ein. Der Kontrolleur vom Vormittag nimmt uns trotz Verspätung gelassen in Empfang. Das verschmitzte Grinsen noch immer über der roten Latzhose. Vielleicht gehen die Uhren in der Uckermark wirklich langsamer.

Information:

In der Saison vom 29. März bis zum 26. Oktober können die Draisinen zwischen 9.00 und 18.00 Uhr benutzt werden. Die Mietkosten einer Draisine (vier Plätze) betragen Montag bis Freitag 46 Euro, an Sams-, Sonn- und Feiertagen 49 Euro. Gebucht wird telefonisch beim Reiseveranstalter Touristica unter der Nummer 030 / 8 73 02 21 oder per e-mail (info@touristica.com)

Details: www.draisine.com



veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung 01. Juli 2003

Copyright Roland Schulz