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Funkensprühende Schönheit im azurblauen Mantel

Die kleine Schwester Korsikas ist besonders im Herbst ein lohnendes Ziel für wanderlustige Meerliebhaber

Obwohl Napoleon gerade einmal acht Monate im Exil auf Elba residierte, sind die Elbaner bis heute stolz auf ihreschmiede in Capoliveri auf elban großen Kaiser. Doch seit 2000 Jahren trägt die kleine Schwester Korsikas ihre viel bewegtere Vergangenheit im lateinischen Namen: "Ilva", die Eiserne.

Wer einmal von Piombino aus die Fähre nach Elba genommen hat, der wird diese düsteren Endzeitbilder nie vergessen: Schmutzig grauschwarz rostende Industriemonster, ein Meer von Braunkohlehalden, durchbrochen nur von rauchenden Schloten über einem endlos anmutenden Förderbandlabyrinth. Kaum zu glauben, dass Elba bis vor rund 60 Jahren der Erzlieferant für diese gigantische Schwerindustrie war.

Doch die windumtoste Fahrt übers tiefblaue tyrrhenische Meer verweht diese Vergangenheit. Das Interesse der Passagiere gilt zunächst den scheinbar schwerelos über dem Schiff stehenden Möwen. Und dem rasch größer werden Urlaubsziel. Bereits nach einer halben Stunde auf der Fähre durchbrechen kühne Festungen und Wehrtürme auf vielhundert Meter hohen Bergspitzen das dichte Immergrün der Buschwälder. Sie zeugen von vergangenen Jahrhunderten, von die Insel grausam heimsuchenden Piraten. Steinerne Geschichte.

Kleine vorbeiziehende Buchten verheißen laue monoton wellenschlagende Herbstabende am Strand. Kaum zu glauben, dass die drittgrößte italienische Insel gerade einmal 224 qkm umfassen soll. Dass sie bei nicht einmal 30.000 Einwohnern jährlich drei Millionen Übernachtungen verbucht.

Dann die Ankunft im festungsbewehrten Porto Azurro, dem vielleicht schönsten Hafen der Insel. Weißschimmernde Jachten dümpeln monoton an ihren Ankerketten, vor der Palmenpromenade. Am gemauerten Kai stehen Angler, für die Zeit keine Bedeutung zu haben scheint.

Der Puls normalisiert sich

Es ist Herbst auf Elba: Die Temperaturen im Meer und in der Luft überschreiten im Gleichklang die 20-Gradmarke. Der Puls der Inselbewohner schlägt nach der hektischen Sommersaison wieder mediterran: Von 12.00 bis 16.00 Uhr ist Siesta das oberste Gebot.

Bis 1947 war das Hafenstädtchen mit 3000 Einwohnern in ganz Italien als Porto Longone berüchtigt. Noch heute dient die im Jahr 1604 von den Spaniern über der Bucht errichtete trutzige Zitadelle Pizzaforte di Longone als Haftanstalt. Doch mit dem neuen Namen hat Porto Azurro dieses Kapitel übertüncht.

Wenige Autominuten weiter erwartet Entdecker auf der herben Halbinsel Calamita mit terrassenförmigen Tagebauminen eine Vergangenheit, die tiefe Spuren in die spärlich mit kümmernden Kiefern bewachsenen Hänge gesprengt hat. Hier, wo die bunten Schätze Elbasiesta: auf elba heiligs leuchten, wo zwischen zerfallenden Baracken und hellblau blühendem Rosmarin Rost- und Schwefelgerüche die Luft schwängern, schlägt noch immer das alte Herz der Insel. Zwischen längst vergessenen Schienen und rotleuchtenden oder mattschwarz schimmernden Eisenerzbrocken huschen behende Eidechsen. Spuren von Mufflons, scheuen Wildschafen, haben sich in den roten Staub geprägt. Wer hier in der Stille die Augen schließt, mag noch dem Klang der Eisenpickel, der Lorenräder, der Förderbänder nachspüren .

177 verschiedene Mineralienarten gibt es auf der kleinen Insel. Dieser immense Reichtum ist mit ein Grund dafür, dass seit 1998 mehr als die Hälfte ihres Territoriums als Nationalpark des Toscanischen Archipels geschützt ist. Wer eigenhändig in den Bergwerken auf Calamita, bei Rio Marina oder Rio nell`Elba schürfen will, muss sich einer Schweiß treibenden Exkursion anschließen. Alleingänge in die Minen sind per Dekret untersagt. Wer es bequemer liebt, dem sei ein Besuch im Mineralienmuseum des in luftiger Höhe erbauten Marktfleckens Capoliveri empfohlen. In zwei großen Räumen, direkt unter der Piazza, erstrahlen seit drei Jahren türkisfarbene Malachite, blaufunkelnde Azurite oder mattgolden glatte Pyrite neben anderen Kostbarkeiten. Alfeo Ricci, so erklärt Museumsführerin Antoniella in gutem Deutsch, habe all diese Mineralien zwischen den dreißiger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zusammen getragen.

Die Funkensprühende, die Eiserne, die Wanderbare

Mit etwas Glück kann man nachts auf der ein Stockwerk höher gelegenen Piazza einem Stück klingender Vergangenheit begegnen: Längst ist das Nachtschmieden auf funkenstiebenden Feldessen und Ambossen hier Tradition. Vier Schmiede, unverkennbar ihre muskelbepackten Unterarme, treiben vor dem gebannten Publikum mit schnellen Hammerschlägen aus hellglühenden Eisenstäben schwere Haken und Äxte oder filigrane nachtschwarze Rosenblüten. In diesen Nächten wird der alte griechische Name der Erzinsel lebendig: Aethalia, die Funkensprühende.

Wer die Schönheiten der kleinen Schwester Korsikas nicht erwandern mag, dem entgehen verwunschene Esskastanienwälder, gewundene Gassengewirre von Bergdörfern wie Marciana Alta ebenso wie flüchtige Begegnungen mit Mufflons oder cinghiale, den allgegenwärtigen Wildschweinen.

Eine beinahe mystische Wanderung führt von Marciano Marina mit seinem wuchtigen Sarazenenturm entlang einer atemberaubenden Küste in den früheren Fischerort San Andrea. Vorbei an Weinbergen, luftig in den Fels geschlagenen Treppen, durch stille Buchten. Körperkontakt mit Drachen, Riesenvögeln und anderen Fabelwesen garantiert. Was sich im ersten Moment und oft noch beim zweiten Hinsehen als urzeitliches Tier in der Meeresbrandung präsentiert, ist geologisch gesehen eine schlichte Folge der granittypischen Wollsackverwitterung.

Bis nach San Andrea werden diese Erscheinungen den Wanderer begleiten. Dann endlich nach drei Stunden die Krönung: Capo Santa Andrea. Wo anders fallen große glattgeschliffene Felsen so schwerelos ins Meer wie hier? Wo anders findet der Blick rundherum nur so leichtes, hoffnungsfrohes Meer? Tiefblau wie nirgendwo, so mag es hier scheinen. Ein Ort der Mediation. Und nach dem staubigen Weg der beste Platz für ein erquickendes Bad.

Die gewundene Küstenstraße, bei 147 Kilometer Küstenlinie eine einzige Serpentine, führt zurück nach Portoferraio, zu Napoleon. Unvergesslich im alles verzaubernden warmen Abendlicht des Südens. Die erdfarbenen Rot-, Gelb- und Ockertöne der Häuser vermitteln eine nie gekannte Geborgenheit. Hier, hoch über der Hauptstadt, liegt zwischen den uneinnehmbaren Festungen Forte Stella und Forte Falcone die Villa dei Mulini. Acht Monate nur hat es der kriegerische Korse hier ausgehalten. Trotz Ballsaal, trotz seiner umfangreichen Bibliothek, trotz berauschender Ausblicke. Dann hat ihn die Unruhe gemeinsam mit 1000 Offizieren und zahllosen Soldaten auf sein letztes Schlachtfeld nach Waterloo getrieben.

Auch für uns wird es Zeit für den Herbst. Von Portoferraio, dem Eisenhafen geht es Richtung Festland. Wenige 100 Meter vor Piombino wird ein Passagier seiner Freundin beim Anblick einer entgegenkommenden cremeweißen Fähre ins Ohr flüstern: "Am liebsten würde ich uns jetzt auf dieses Schiff beamen."



Copyright Roland Schulz