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Bodenlos

Mächtige Erdgöttinen belegen in zahlreichen Mythologien die frühere Wertschätzung der Menschen von Erde und Boden. Als Muttergöttin der gesamten griechischen Kultur wurde gar die Erdgöttin Gaierosion_zerstoert_boden_dauerhafta verehrt. Und die biblische Schöpfungsgeschichte beschreibt, wie der Mensch "aus Erde vom Acker" geschaffen wurde. All dies mag der aufgeklärte Mensch im postindustriellen Zeitalter glauben oder nicht. Unstrittig bleibt, dass früher wie heute fruchtbarer Boden selbst für satte Menschen weit mehr bedeutet, als dies bei einer oberflächlichen Betrachtung zunächst erscheinen mag.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff Boden? Wir stehen und gehen auf dem Boden, als Kinder mögen viele noch inbrünstig im Boden gebuddelt haben, wir erwerben Grund und Boden, erfreuen uns am Anblick wogender Getreidefelder und doch, das Wesentliche bleibt im Verborgenen. "Böden sind Teile der belebten obersten Erdkruste des Festlandes. Sie sind nach unten durch festes und lockeres Gestein und nach oben durch eine Vegetationsdecke begrenzt", lautet eine Definition. Und weiter: "Der Boden ist in seiner Entstehung, Entwicklung und Erhaltung vollständig von der Mitwirkung von Lebewesen oder biologischen Vorgängen abhängig. Der belebte fruchtbare Boden ist nur eine wenige Dezimeter dünne Grenzschicht der Erde zur Atmosphäre." Demzufolge ist Boden begrenzt vorhanden, lebt und entwickelt sich.

Vor etwa 12 .000 Jahren begann in Brandenburg mit dem Ende der letzten Eiszeit die Entwicklung der heutigen Böden. Ein letztes Mal rutschten bis zu 3000 Meter hohe Gletscher vom skandinavischen Hochland, durchfurchten die heutige Ostsee, rissen Gestein und Boden mit sich, durchmischten das Geschiebe und lagerten es viele hundert Kilometer entfernt wieder ab. Diese Ablagerungen prägen bis heute die Landschaften Brandenburgs als flache Grund- und hügelige Endmoränen.

Durch bodenbildende Prozesse wie Gesteinsverwitterung, Zersetzung organischer Streu sowie die Verlagerung von Stoffen entwickeln sich charakteristische Böden. Alle Böden bestehen in der Regel aus Mineralen und organischen Bestandteilen, dem Humus. Nach ihrer Zusammensetzung aus unterschiedlichen Schichten, den Horizonten, können Böden sowie ihre Eigenschaften benannt und prägende Entwicklungsprozesse nachvollzogen werden.

Die aus abgestorbenen Pflanzenteilen gebildete oberste Schicht wird als Humusschicht bezeichnet. Darunter liegen je nach Bodentyp eine bis mehrere Verwitterungshorizonte. Der unterste Horizont grenzt an unverwittertes Gestein.

Verwitterung ist die grundlegende Voraussetzung jeder Bodenbildung. Dabei werden Gesteine und Minerale durch einwirkendes Wasser und Eis, Wind, Frost oder Sonnenwärme in kleinere Teilchen zerlegt. Zu den wichtigsten Verwitterungsprodukten zählen Tonminerale. Ein Tonmineral besteht aus vielen hauchdünnnen aneinander gelagerten Plättchen mit sehr großer "innerer" Oberfläche. Sie gleichen den Blättern eines unbeschriebenen Heftes. Wie man auf jedes dieser Blätter zahlreiche Buchstaben schreiben kann, so können sich bei den Tonmineralen an jedem Plättchen reichlich Wasser sowie Nährstoffe anlagern. Ähnlich hohe Speicherpotenziale besitzt Humus.

Boden lebt

Der Boden lebt. In den mit Wasser und Luft gefüllten Hohlräumen wirken unzählige pflanzliche und tierische Organismen, die Bodenflora und die Bodenfauna. Wissenschaftler bezeichnen die Gesamtheit der Bodenlebewesen als Edaphon. Diese äußerst mannigfaltige Lebewelt wird von Viren, Bakterien, Algen, Pilzen, Milben, Springschwänzen, Schnecken und natürlich Regenwürmern gebildet. Das Edaphon wandelt abgestorbene Pflanzenreste in Humus um. Einige Mikroorganismen können darüber hinaus organische Schadstoffe abbauen.

Für den Boden eines Hektars Buchenwaldes wurden die unvorstellbaren Zahlen von jeweils 1,8 Millionen Regenwürmern und Tausendfüsslern, einer Million Schnecken und gar 44,1 Millionen Springschwänzen berechnet. Doch dieser Mikrokosmos unter unseren Füßen entzieht sich weitgehend unseren Sinnen.

In Abhängigkeit vom Luft-, Wasser- und Wärmeangebot der Böden benötigen die Abbauprozesse unterschiedlich lange. Ist genügend Sauerstoff verfügbar, verläuft die Zersetzung besonders effizient. Dies gilt besonders für die obersten zwei bis drei Dezimeter Boden, in denen sich das Edaphon konzentriert. Bei Abbauprozessen werden Mineralstoffe frei, die von Pflanzenwurzeln wieder aufgenommen werden können. Zusätzlich beschleunigt wird der Umbau organischer Stoffe durch Maulwürfe, Dachse, Hamster oder Mäuse. Durch ihr Wühlen bringen sie organische Stoffe in tiefere Bodenschichten und bewirken eine bessere Sauerstoffzufuhr.

ausgeraeumte_agrarlandschaften_bieten_flora_und_fauna_kaum_lebensraum12,3 Prozent der Fläche Deutschlands sind bereits überbaut. Jeden Tag kommen weitere 1,2 Quadratkilometer hinzu. Mit dem Boden werden seine Funktionen zerstört. Für neue Wohnhäuser, neue Einkaufszentren, Autobahnen, Flughäfen, Freizeitparke. Für eine neue Lebensqualität. Eine bessere?

Um ermessen zu können, was es bedeutet, immer mehr Boden unter den Füßen zu verlieren, müssen die Funktionen des Bodens benannt werden. Boden ist die Basis, auf der alles Leben existiert. Er dient höheren Pflanzen, die weltweit mehr als 95 % unserer Nahrungsmittel liefern, als Wurzelraum sowie als Wasser- und Nährstoffspeicher. Sein Wasserspeicherpotenzial kann Hochwasser vermindern. Boden ist die Produktionsgrundlage für Land- und Forstwirtschaft, Standort für Siedlung und Verkehr. Er ist das Medium für die Zersetzung organischer Substanzen und somit Grundlage des Nährstoffkreislaufes. Intakte Böden bilden ein gigantisches Filter- und Puffersystem, das gelöste Nähr-, Schmutz- und Schadstoffe binden kann. Tonreiche Böden können selbst noch kleinste Partikel aus dem Sickerwasser filtern und sauberes Trinkwasser produzieren. Boden dient der Rohstoffgewinnung und ist ein Spiegelbild der Landschaftsgeschichte. So liefern Bohrungen in Moorböden über die konservierten Pflanzensporen Informationen, welche Pflanzen vor vielen tausend Jahren in der Umgebung gewachsen sind. Böden widerlegen selbst die Geschichten von der guten alten Zeit und dem im Einklang mit der Natur lebenden Menschen. Im Mittelalter wurden durch die Rodung großer Waldflächen zur Gewinnung von Acker- und Grünland Böden großflächig ihres natürlichen Erosionsschutzes beraubt. In nur wenigen Jahrzehnten führte der dadurch hervorgerufene Bodenabtrag, der zum Teil von Flüssen transportiert und wieder abgelagert wurde, zu gewaltigen Umlagerungen und Verlust von Bodenmaterial.

Die Vergangenheit mahnt

Was passieren kann, wenn man dem Boden nicht ausreichend Beachtung schenkt, dokumentieren noch heute eindrücklich die Mittelmeerländer. Aus wald- und wasserreichen Gebirgen wurden durch großflächige Abholzungen innerhalb weniger Jahrhunderte irreversibel verkarstete, unfruchtbare Steinwüsten. Über viele Jahrtausende entstandener Boden wurde abgeschwemmt, in Tälern angelagert sowie über Bäche und Flüsse zum Mittelmeer transportiert.

Wenn Boden lebt, dann kann er auch sterben. Böden und mit ihnen ihre Funktionen sterben heute weltweit durch Versiegelung, Erosion und Verdichtung, durch Pestizide, übermäßig hohe Dünger- und Gülleausbringung, die Verschmutzung durch umweltschädliche Chemikalien wie Öl sowie den flächendeckenden Eintrag von Schadstoffen über die Luft. So mag es kaum noch verwundern, dass Regenwürmer in einigen Agrarlandschaften bereits ausgestorben sind. Und mit ihnen ihre bodenbildenden Funktionen.

Das gesellschaftliche Interesse für den Boden hat in Deutschland mit den sogenannten "Neuartigen Waldschäden" Ende der 70er Jahre stark zugenommen. Es vergingen noch weitere 20 Jahre, bis die Bundesregierung 1998 ein Bodenschutzgesetz verabschiedete. Im § 1 heißt es: "Zweck dieses Gesetzes ist es, nachhaltig die Funktionen des Bodens zu sichern oder wiederherzustellen. Hierzu sind schädliche Bodenveränderungen abzuwehren, der Boden und Altlasten sowie hierdurch verursachte Gewässerverunreinigungen zu sanieren und Vorsorge gegen nachteilige Einwirkungen auf den Boden zu treffen." Ob dieses Gesetz eher eine umsetzbare Agenda oder lediglich eine Willensbekundung ist, werden die flächenbezogenen Planungen und deren Umsetzungen in naher Zukunft zeigen.


veröffentlicht im Berlin-Brandenburger naturmagazin 1/2002

Copyright Roland Schulz