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Sieh Grizzlys nie in die Augen

- Drei Monate als Ranger in British Columbia -


"Ganz schön mutig". So begrüßte mich die Parkleiterin Ida Cale zu meinem zweimonatigen Praktikum in den Parks von British Columbia. Nach 55 Reisestunden war ich froh, den "Wasa Lake Provincial Park" am Fuße der Purcell Mountains erreicht zu haben. Die Schwerpunkte der canadischen Parks bilden Erholung, Umwelterziehung und die Bewahrung der Natur. Dies ist in British british columbia kokanee glacier provincial park sawteeth ridgeColumbia mit 2 Einwohnern/qkm sicher einfacher als im dichtbesiedelten Deutschland. Auf den provinzeigenen Campingplätzen werden schon die Jüngsten spielerisch auf abenteuerlichen Exkursionen mit der Natur vertraut gemacht.

Für die Sommersaison sind geschulte "Interpretors" angestellt. Diese Naturpädagogen "übersetzen" Zusammenhänge in der Natur und Anliegen des Umweltschutz in leicht verständliche Worte und Bilder. Allabendlich führen sie Puppen- und Theaterspiele auf, erläutern Sternbilder am Abendhimmel oder bieten nachts Tier-stimmenwanderungen an. Und wenn sie Kinder auf der Bühne mit Ohrenschützern, Schwimmbrille und Flossen zu Bibern verkleiden, ist der Spaß genauso groß wie das Gelernte über die Anpassungen des Bibers an seinen Lebensraum. Der Phantasie zur fröhlichen wie lebendigen Umweltbildung sind keine Grenzen gesetzt. Und die Menschen kommen. Nicht selten 80 und mehr an einem Abend.

Bärenplagen

Wie wichtig diese Wissensvermittlung auch in Canada ist, bewies ein Bären-Aktionstag in Kimberly. An diesem Tag ging es um den richtigen Umgang der ca. 7000 Einwohner Kimberlys mit ihrem Abfall. Kimberly hat nach dem Ende des Bergbaufiebers in den siebziger Jahren seine "urbayerischen" Wurzeln entdeckt und touristisch vermarktet. So verspeist man auf dem "Platzl" vor der größten Kuckucksuhr der Welt sein Wiener Schnitzel und labt sich bei Blasmusikklängen an deutschem Bier. In Kimberly wurden 1998 allerdings auch über 70 Schwarzbären erschossen, weil sie sich auf den Hausmüll als Nahrung spezialisiert hatten. Und ist ein Schwarzbär auf den Geschmack gekommen, gibt es Konflikte. Deren Ausgang dokumentiert die Redensart, daß ein abfallfreßender Bär ein toter Bär ist. In British Columbia leben ca. 140.000 Schwarzbären und 12.000 Grizzlys. So nahm sich der Ranger Mike die Zeit, mich auf ein Zusammentreffen mit Bären vorzubereiten. Er gab Verhaltensmaßregeln, erläuterte den Gebrauch des in 70% der Begegnungen wirksamen Pfeffersprays und gab Tipps für den Notfall: " Sieh nie einem Grizzly in die Augen" und "Ich habe immer ein Messer bei mir, so scharf wie nur irgend möglich". Da zeigte sich schon eine Gänsehaut.

Auf Patrouillenfahrten mit Rangern kamen wir durch das Tal des mächtigen Kootenay Rivers, einem hier ungebändigtem Wildwasserfluß. Auewälder, riesige Schilfflächen und permanent verlagerte Kiesbänke bilden ein El Dorado für angepaßte Lebensgemeinschaften. In Seitentälern finden sich heiße Quellen, in deren Becken sich stets einige Erholungssuchende räkeln. Über Schotterserpentinen ging es in den 2800 m hoch gelegenen "Top of the world Park". Hier erschließt sich eine schroffe Bergwelt mit atemberaubenden Ausblicken in die Purcell Mountains. Wohin das Auge blickt, Wald; 40 m hohe Zedern, Douglasien und Hemlocktannen. Eine heile Welt also? Mitnichten! Einschlagsbetriebe erschliessen die Wälder und holzen große Flächen ab. Neuerdings muß wenigstens wiederaufgeforstet werden. Die allgegenwärtigen Langholztransporter und gigantische Sägewerke dokumentieren die hohe wirtschaftliche Bedeutung der holzverarbeitenden Industrie. Und das Holz der kanadischen Zedern und Hemlocktannen ist auch in Deutschland - leider immer noch- heiß begehrt.

Der Zauber von Kokanee

Mit einem "Pfefferspray" im Gepäck fuhr ich am Ostufer des 100 km langen Kootenay Sees zu meiner nächsten Station, dem "Kokanee Glacier ProvincialKokanee: eiszeit landschaft im glory basin Park". Hier durfte ich vier Wochen mit Rangern in den schroffen Selkirk Mountains erleben. "Kokanee", ein Wort aus der Sprache der "Kutenai-Indianer", bedeutet "roter Fisch". Kokanee Glacier, das heißt 30.000 ha autofreie Zone, bis 2784 m hohe Berge, Gletscher, türkisfarbene Seen, glasklare Wildwasser, vorbei-"brummende" Kolibris und Grizzlybären. Erschlossen wurde dieses Gebiet vor 100 Jahren von Abenteurern, die in Minen nach Silber, Blei und Zink schürften. Noch heute zeugen Blockhütten, Bergwerkstollen, Abraumhalden, zerbrochenes Werkzeug und Haufen verrosteter Konservendosen von diesem entbehrungsreichen Leben. Kokanee Glacier heißt aber auch Ranger, die je nach Witterung für 3-5 Monate im Jahr angestellt werden. Im Winter sind sie Zimmerleute, Lehrer, Schulbusfahrer oder Skilehrer. Ranger, die ihre Parks und ihre Arbeit lieben. Ich habe sie nicht nach ihrem Verdienst gefragt, aber 8-Stunden-Tage gab es während der jeweils einwöchigen Schichten nicht. Und wenn Kevin erklärt, daß er als Ranger "ordentlich, verantwortungsvoll und effizient" ist, glaubt man ihm. Wir haben mit dem Hubschrauber Propantanks zu den unbewirtschafteten Berghütten geflogen und Brücken für Wanderer gebaut, haben viele Kilometer von Sturmwurf blockierte Wanderwege freigesägt, Wege unterhalten, Hütten ausgebessert, die Vegetationsentwicklung notiert und vieles mehr. Der Sommer ist kurz in den Bergen. Anfang August war der 2000 m hoch gelegene und über 100 m tiefe Kokanee See noch von einer geschlossenen Eisdecke überzogen. Da bleibt nicht viel Zeit für Pflanzen und Tiere, sich auf den nächsten Winter vorzubereiten. Und der kurze Sommer ist auch der Grund, daß sich hier nur wenige große Tiere wie Maultierhirsche ernähren können. Dafür entschädigen zahllose Murmeltiere, "Felsenhasen", Erdhörnchen, Schnee- und Blauhühner oder auch Steinadler. Und die bunt blühenden Bergwiesen mit Columbianischen Mönchshut (Aconitum columbianum), Gletscherlilie (Erythronium grandiflorum), Westlicher Anemone (Pulsatilla occidentalis), Indianischer Hellebarde (Veratrum viride), Weißblühendem Rhododendron (Rhododendron albiflorum), Westlichem Sumpflorbeer (Kalmia microphylla) sowie rot- und weißblühender Heide. Wir haben bei jeder Gelegenheit mit Wanderern gesprochen. Woher, wohin, Wandertipps gegeben, vor Gefahren gewarnt und eine schöne Zeit gewünscht. Wo Gebote übertreten wurden, ermahnt, wo nötig Geldstrafen erhoben. Auch zwei Schweizer Radfahrern, die sich 1000 Höhenmeter zum Gibson See hochgemüht haben, wurde freundlich und bestimmt versichert, daß Radfahren im Park verboten ist. Einem 70jährigen aus Dallas, der sich mit seinen beiden kleinen Enkeln übernommen hatte, haben wir über vereiste Pfade zurück in die Zivilisation geholfen. Daß der Zauber dieser Landschaft kaum einen Wanderer unberührt läßt, zeigen die vielen euphorisch-friedvollen Einträge in den Hüttenbüchern. Diese Stimmung darf aber nicht zu Leichtsinn verleiten. In den vergangenen 5 Jahren sind im Park 12 Menschen Lawinen, Steinschlägen und einem Hubschrauberabsturz zum Opfer gefallen.

Auf den Spuren der Grizzlys

Einen Tag lang durfte ich Wayne Mcquorrie begleiten. Einen Bärenexperten, der die Entwicklung der Grizzlypopulation in diesem Gebiet seit über 20 Jahren beobachtet. Wayne öffnete uns die Augen für die allgegenwärtigen Spuren der Bären. Er zeigte, wo Grizzlys nach Erdhörnchen gegraben haben, wo sie Pflanzen geweidet haben, welche Bäume mit Kratzspuren gezeichnet waren oder wo sie ihre Rücken geschubbert hatten. Und er lebte uns vor, wie man sich als Gast im Land der Bären verhält. Nur, einen Grizzly haben wir an diesem langen Tag nicht gesehen. Aber eine Woche später! 80 m vor unserer Hütte spielte ein halbwüchsiger Grizzly in den ersten Strahlen der Morgensonne. Unvergesslich. Zumal ein kleiner Weiher zwischen uns war. Mein Praktikum führte mich weiter. Von den Quellen des Kokanee Bachs bis zu seiner Mündung im "Kokanee Creek Provincial Park". Gerade rechtzeitig zum Laichzug der "Kokanees", der leuchtend roten Lachse des Kootenay Sees. Zu einem immer vollen Besucherzentrum auf einem Campingplatz, begeisternden Naturpädagogen, einem tierreichen Bachdelta mit Bibern, Koyotengeheul und der größten Fischadlerdichte der Erde. Und zu einem Schwarzbären, der vor aller Augen seine Lachsfangkünste vorführte. Kaum 5 m von den Menschen entfernt. Die Zuschauer waren vorsichtig, doch ohne Angst. "Du bist Gast im Land der Bären. Verhalte Dich entsprechend", fiel mir der Titel einer Broschüre ein. An einem der letzten Tag durfte ich den Seeranger auf seiner Bootspatrouillie begleiten. Tom zeigte mir einige Felszeichnungen der Kutenai-Indianer am Seerand. Am Westufer rumpelte einer der zwei täglich vorbeikriechenden Güterzüge entlang. Personenzüge sind in diesem weiten Land annähernd von den Schienen verschwunden. Und auch mein Abschied stand bevor.

Was ist geblieben? Die Erinnerung an Menschen mit Zeit und sehr freundlichem Umgangston. Das Erlebnis von Weite und großartigen Landschaften. Die Freude der Ranger an ihrer Arbeit und das gerne gelebte Pflichtbewußtsein. Die Phantasie und Begeisterung der mitreißenden Naturpädagogen. Und, Bären gesehen zu haben. Bei allem gebliebenen Respekt. Danke Ida.


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veröffentlicht im Berlin-Brandenburger naturmagazin 9+10/2000

Copyright Roland Schulz