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Kein Raum für Platzangst

- Forscher erkunden die zweitlängste Höhle Deutschlands -

Oberflächlich betrachtet erscheint die Hohenloher Ebene im Osten Schrozbergs zunächst wenig spektakulär. Doch nur wenige Meter unter der Erde erstreckt sich hier das bislang zweitlängste Höhlensystem in Deutschland. Seit rund 30 Jahren erkunden und kartieren Höhlenforscher immer neue Gänge im reich verzweigten "Fuchslabyrinth".

Nachdem der massive Eisendeckel wieder den Einstiegsschacht versperrt, beginnt für die Höhlenforscher die Arbeit. Leise fauchende Karbidlampen und Stirnleuchten tragen Licht und gedämpfte Geräusche in die Hohenloher Unterwelt. Jahreszeiten finden hier nicht statt. Sommers wie winters schwanken die Temperaturen bei einer Luftfeuchtigkeit von 98 bis 100 % nur wenig um 8 Grad plus, der mittleren Jahrestemperatur unter der Erde.


Ein Traum wird wahr

Begonnen hat alles an einem Novembernachmittag vor 29 Jahren: Einige Höhlenforscher der "Arbeitsgemeinschaft Höhle und Karst Stuttgart", unter ihnen Ralph Müller, haben sich verabredet, eine augenscheinlich kleifuchslabyrinth leuchtende sinterwaende und tropfsteinene Höhle zu vermessen. Die Länge schätzen sie auf 50 Meter. Doch nachdem mehrere Felsbrocken zur Seite geräumt sind, öffnen sich weitere bislang verborgene Spalten und Gänge.
Mit der Entdeckung dieses Höhlensystems wurde der Traum jedes Speläologen, wie die Erforscher der Unterwelt in Fachkreisen heißen, wahr. Und er dauert an. Die Erkundung des nur 6 – 12 Meter unter der Erdoberfläche im oberen Muschelkalk liegenden Höhlenlabyrinths scheint längst nicht abgeschlossen.

"Statistisch verzweigen sich die Gänge etwa alle drei Meter," erläutert Müller die namensgebende Eigenart. Die Gänge des Labyrinthes verlaufen überwiegend in Süd-Nord- sowie in Ost-West-Richtung. Bis heute ist die Bildung der sehr engen ovalen oder kreisförmigen Ost-West-Klüfte nicht völlig geklärt. Die ebenfalls schmalen nach oben in 1,5 bis 3 Meter Höhe wieder zusammenwachsenden Nord-Süd-Klüfte erinnern an gotische Spitzbögen. Ihre Enstehung scheint eindeutig: als vor rund 50 Millionen Jahren der Rheingraben eingebrochen ist, haben die gewaltigen Erschütterungen bis in den Hohenloher Untergrund Klüfte, Risse und Spalten bewirkt. In erster Linie tropfendes und aus der Tiefe aufsteigendes Wasser hat diese Hohlräume über Jahrmillionen zur heutigen Dimension erweitert.
Ein Schlüssel zur Entstehung des Labyrinths sind gelegentliche steil nach unten abfallende Röhren. Sie verbinden das Höhlensystem mit einem tiefer liegenden wasserführenden System, das diesen Teil Hohenlohes unterirdisch bis hin zur östlich bei Bettenfeld entspringenden Schandtauber entwässert. Nördlich von Gammesfeld kommt einer der unterirdischen Wasserläufe in einem stillgelegten Steinbruch ans Tageslicht, um nach wenigen Metern wieder im Muschelkalk zu verschwinden. Doch im höher gelegenen Teil des Fuchslabyrinths fließt kaum Wasser.

Tödlicher Leichtsinn

Mit einem Kompass bestimmen die Speläologen die Lage neu entdeckter Gänge. Weiter messen sie Länge, Breite, Höhe und Gefälle der Gänge. Aktuell sind bemerkenswerte 8300 m kartiert. Für die Forscher ein Wechsel von Schwitzen und Frösteln: bei der "Befahrung", so der Fachbegriff für Fortbewegung unter der Erfuchslabyrinth baumwurzeln im hoehlensystemde, rinnt der Schweiß. Bei den aufwändigen Kartierarbeiten schützt dagegen nur geeignete Kleidung vor dem Auskühlen.
Mittlerweile sind zahlreiche Gänge im Rahmen der bisherigen Vermessungen nummeriert. Doch es bleibt höchst fraglich, ob ein Hobbyabenteurer zurück zum Einstieg finden würde. Müller berichtet über Touren von Alleingängern in anderen württembergischen Höhlen, die trotz intensiver Suche tödlich verliefen. Ein triftiger Grund, den Einstieg zum Fuchslabyrinth verschlossen zu halten.

Einmal verlieren wir zu dritt den Anschluss an die Gruppe und was viel schwerer wiegt, unseren kundigen Führer. Es kann nur so schnell gehen, wie der langsamste voran kommt. Keine Frage, wir lassen keinen zurück. Keine Unruhe. Wir lassen uns in einem erträglichen Gewölbe nieder, 2 Röhren kommen an und zwei gehen ab. Mich überrascht, dass ich mich so sicher wie in Abrahams Schoß fühle. Nach wenigen Minuten ein stärker werdendes Scheinen, ehe lächelnd Ralph Müller auftaucht, uns wieder in seine Obhut nimmt und zur Gruppe führt. Wie orientiert er sich hier schlafwandlerisch sicher?

Wer sich die Forschertätigkeiten in Hohenlohes Unterwelt als bequemes Wandeln durch leuchtende Tropfsteindome und weithin schimmernde Kristallhallen vorstellt, täuscht sich. Die schmalen Ost-West-Verbindungen erfordern ein mühseliges Kriechen und Krabbeln, um sich in die nächste Nord-Süd-Kluft zu zwängen. Alleine würden Menschen stecken bleiben. Begleiter ziehen vorne und schieben hinten. Oft ohne etwas zu sehen. Die engen Klüfte pressen das Gesicht zum zähen roten Schlamm. Und geht der Kopf unwillkürlich nach oben, schallt der Klang des Helmes an der Decke durch die Röhren. Schon nach den ersten hundert Metern im Untergrund beginnt die Kleidung zu dampfen, steht "Nebel" in den schmalen Gängen. Doch gelegentlich werden die Speläologen für ihre mühselige Kriecherei belohnt. Hier ein versteinerter Ammonit, dort mattschwarz aus dem umgebenden Kalk herausgewitterte Saurierknochen und als Höhepunkte kleine reinweiß schimmernde Tropfsteine oder ganze Wände, die von weißem Kalksinter samtig überzogen sind. Urplötzlich erinnern die "Regenklüfte" an die nur wenige Meter entfernte Oberwelt: In tiefen Spalten filtern freihängende feinverzweigte Wurzelfahnen von Bäumen die Luftfeuchtigkeit.

Vier anstrengende Stunden später öffnet sich - endlich und doch viel zu früh - der Eisendeckel zur Oberwelt: grelles Licht, vom böigen Regenwind getriebene Wolken, satte Farben. Kaum zu glauben, dass in nur 6 Meter Tiefe eine völlig anderes Reich existieren soll. Einige unter uns sind am Ende, naja, kurz davor. Der rote zähe Lehm hat sich in unserer Kleidung verewigt.


veröffentlicht im Haller Tagblatt 22.11.2003

Copyright Roland Schulz