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Viel Wärme in einem kalten Winter

Protestmarsch gegen Grüne Gentechnologie / Landwirt durchwandert Deutschland ohne Geld in 42 Tagen

Am 7. Januar hat Georg Lutz seine Anti-Genfoodtour durch den deutschen Winter begonnen. Mit seinem weit mehr als 1000 Kilometer langen Marsch wirbt der Demeter-Landwirt für gesunde Lebensmittel und warnt vor dem Einsatz von Gentechnologie in der Landwirtschaft.

Georg Lutz hat es geschafft. Beinahe jedenfalls. Ohne einen Cent in der Tasche ist der Hamburger Biobauer zu Fuß in 42 Tagen durch ganz Deutschland gelaufen. Von Flensburg bis nach Überlingen am Bodensee, den er am 16. Februar erreicht hat. "Jetzt laufe ich aus Freude am Leben noch bis zu meinem Geburtsort in die Schweiz. Und am Wochenende geht´s zurück zur Familie," strahlt der 47-jährige.

Der Weg war nicht immer so leicht. 30, 40 und manchmal auch 50 Kilometer hat der 1,95 Meter große Agraringenieur dabei täglich in seinen Wandersandalen zurückgelegt. Mitten im Winter. Ob durch kniehohen Schnee in Gentechnik, nein danke.der Rhön, durch klirrende Abendfröste im Hohenlohischen oder eisige Winde auf der Alb. Der 25 Kilogramm schwere Rucksack enthält nur das Nötigste: Kleider zum Wechseln, Trinkflaschen, Zelt, Schlafsack und ein Tagebuch. Unverzichtbar seine beiden Wanderstöcke, die selbst in schwierigen Phasen Halt gaben. Getragen von der Überzeugung, dass die Gentechnologie in der Landwirtschaft ein folgenschwerer Irrweg sei.

Gegen den Frust

Doch der Reihe nach: "Den Entschluss für meine Anti-Genfoodtour durch Deutschland habe ich bereits im vergangenen Sommer getroffen," beginnt der Vater von vier Kindern zu erzählen. Auslöser sei der fehlgeschlagene Versuch gewesen, östlich von Hamburg eine gentechnikfreie Region auszurufen. "Was mache ich jetzt? Lass ich mich im Frust hängen oder lauf´ ich mir die Hacken ab?", erinnert sich der Demeter-Landwirt an seine damalige Gefühlslage. Den letzten Ausschlag hätten die rund 6000 Kunden gegeben, die wöchentlich mit Produkten des von Lutz gepachteten rund 400 Hektar großen Staatsgutes Wulfsdorf beliefert werden: "Für die laufe ich!"

Allein ein Marsch durch Deutschland war dem freundlichen Hünen nicht genug. "Ich habe mir vorgenommen, auf möglichst viele konventionelle Höfe zu gehen und mit den Bauern über den Einsatz der "Grünen Gentechnik" in der Landwirtschaft zu reden." Der Beginn seiner Anti-Genfoodtour am 7. Januar 2005 liegt jetzt 42 Tage zurück. Und bei aller Aufbruchstimmung, klang da in seiner ersten Presseerklärung nicht eine Spur Sorge mit: "Ich bin gespannt, welche Menschen mir begegnen und mit welchen Eindrücken und Einsichten ich den Bodensee erreichen werde."

Nun, den Erzählungen nach müssen es 42 reiche Tage für Georg Lutz gewesen sein. "Durch das viele Alleinsein bin ich ein völlig anderer Mensch. Auf unserem Hof habe ich gar keine Zeit, mir einmal in Ruhe Gedanken zu machen und weiterzuführen. Da ist immer viel zu viel zu tun." Doch nicht nur die Erfahrung der Einsamkeit ist ein Geschenk: "Auf meinen Wegen habe ich gemerkt, wie schön Begegnungen sein können. Immer wieder habe ich mich mit wildfremden Menschen nett unterhalten." Zu denken geben Lutz so genannte Zufälle, die ihn auf seinem langen Weg treu begleitet hätten. So sei er einmal nach Einbruch der Nacht in ein Dorf gekommen, wo es seines Wissens noch Bauern geben müsse. Aber wo? "Die Innenhöfe sahen alle gleich aus und keiner erinnerte an einen Bauernhof. Da habe ich gedacht, hier musst du fragen und einfach an einem Haus geklingelt. Das war dann auch der einzige Bauernhof im ganzen Dorf," freut er sich noch heute an diesen "Zufällen".

Warmherzige Berufskollegen

Und natürlich die Hilfsbereitschaft im angeblich so kalten Deutschland. "Ich habe zwar auch bei minus 6 Grad Celsius im Zelt übernachtet," erzählt Lutz ganz nebenbei. Doch dies sei die Ausnahme gewesen. Mit Beginn der Dämmerung habe er sich jeden Abend auf die Suche nach einer Mahlzeit, einem Nachtlager und einem Landwirt als Gesprächspartner gemacht. Ohne Voranmeldung. Einfach so. "Ganz selten, dass mich Menschen einmal abgewiesen haben. Ich wurde zum Essen eingeladen und konnte in einer geheizten Garage oder auf der Wohnzimmercouch übernachten," ist der Demeter-Landwirt mit strahlenden Augen im wettergegerbten Gesicht sichtlich von diesen Begegnungen bewegt. Immer wieder bestärkt hätten ihn auf seinem Marsch die allabendlichen intensiven Gespräche über die Grüne Gentechnologie. Mit eindeutigem Resultat: Auch nach all diesem intensiven Austausch mit seinen Berufskollegen habe er noch kein einziges stichhaltiges Argument für den Einsatz der Gentechnologie in der Landwirtschaft gehört. Im Gegenteil: "In den USA sollte der Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen das Ausbringen von Pflanzenschutzmittel vermindern. Durch rasche Resistenzbildungen ist dieses Bemühen schnell gescheitert." Oder: "Die Gentechnologie ist ein Weg, der am Leben vorbei führt. Dass gentechnologisch veränderte Pflanzen ganz schwache innere Kräfte haben, kann man messen." Und: "Viele Bauern haben Angst vor einer noch größeren Abhängigkeit von den Agro-Konzernen. Diese besitzen die Patente für Genpflanzen. So müssen die Landwirte jedes Jahr teueres Saatgut und Pflanzenschutzmittel kaufen." Die größte Sorge sei jedoch, dass herkömmliche Pflanzen vom Pollen gentechnisch veränderter Pflanzen befruchtet würden. Kein Biobauer und kein konventionell wirtschaftender Landwirt könne dann mehr gentechnikfreie Produkte herstellen.

Dabei differenziert Lutz: "Wenn Gentechnologie im medizinischen Bereich dazu beiträgt, dass kranke Menschen wieder besser leben können, freut mich das für jeden einzelnen."

Hier neigt sich das Gespräch dem Ende entgegen. Das schwindende Tageslicht mahnt zum Aufbruch. An diesem Abend irgendwo in Hohenlohe liegen noch 10 kalte Kilometer durch Wald und Feld vor Georg Lutz. Ein Angebot, ihn angesichts der späten Stunde und schneeglatter Wege mit dem Auto mitzunehmen, lehnt er so freundlich wie bestimmt ab.


Info: www.gutwulfsdorf.de


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veröffentlicht in Südwestpresse 18. Februar 2005

Copyright Roland Schulz