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Jugend im Schattenreich


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Nein, ein sagenumwobener Baum wie ihre Schwestern Eiche oder Esche ist die Rotbuche nicht. Sie ist bescheiden, eine Arbeiterin eher, gerne auch im Schatten als immerzu im Rampenlicht und doch skizziert ihr liebevoller Beiname "Mutter des Waldes" ihr Gewicht für dieses Ökosystem. Hier erfahren Sie komprimiert alles Wichtige über eine Baumart mit rötlichem Holz, silbergrau-glatter Rinde und und dem letztlich dann doch machtvollen Streben zum Licht.


Stellen Sie sich vor, Deutschland wäre ein einziger Buchenurwald. Klingt angesichts all der Nadelholzforsten wie ein Märchen? Ist es aber nicht. Sie müssten sich nur auf eine kleine Zeitreise begeben. Sagen wir, 3000 Jahre in die Vergangenheit.

Die Fläche des heutigen Deutschlands wäre fast komplett von Rotbuchen oder rotbuchendominierten Mischwäldern beschirmt. Urwäldern, selbstredend. Würden Sie 2000 Jahre weiter reisen, böte sich Ihnen ein ganz anderes buchenloses Bild. Erst vor etwa 4500 Jahren hat der Baum mit der silbern glänzenden Rinde Deutschland nach der Eiszeitpause neu besiedelt.

Die Erfolgsgeschichte der bis zu 45 Meter hoch in den Himmel wachsenden Rotbuche, mit der Hainbuche weder verwandt noch verschwägert, beruht auf ihrer hohen Schattentoleranz in der Jugend und auf ihrem dichten Altersschatten.

Wenn sich aus der 0,2 Gramm leichten Buchecker ein wunderschöner sattgrüner Keimling in Schmetterlingsform unter dem dichten Schatten alter Baumkronen aus dem Boden wagt, dann können diese kleinen Pflanzen jahrzehntelang auf ihre Chance warten. Gesund und von Stress keine Spur. Eichen, Eschen oder Ahorne sind ungleich sensibler und verkümmern ohne ausreichenden Lichtgenuss zusehends. Rotbuchen dagegen üben sich in Geduld. Fällt dann urplötzlich ein 400 oder sogar 500 Jahre alter Baumriese im Sturm oder vom Blitz, dann ist der junge gut bewurzelte Buchennachwuchs sofort hellwach.

Die Jungbuchen wachsen mit ihren plastischen Kronen rasch in den Lichtschacht und, ganz genau, beschatten als ältere Bäume mit bis zu 200.000 Blättern den Boden und geben Konkurrenten das Nachsehen. Diesem Schatten verdankt die Rotbuche auch ihren ehrenvollen Beinamen „Mutter des Waldes“. Im Schatten ist es feucht, das leicht von Pilzen und anderen Lebewesen zersetzbare Holz wird zu fruchtbarem Humus und der Nährboden für den Nachwuchs ist fast bereitet. Fehlen noch die vielen Blätter. Jahr für Jahr beschenkt die Buche mit reichlich Laub den Waldboden. Durchschnittlich düngen 800 bis 1000 Gramm jeden Quadratmeter unter der Krone. Mit dem Laub ist es wie mit dem Apfel. Der eine wird nah am Stamm aufgelesen und verspeist, und das andere nah am Stamm von der Bodenlebewelt in Nährstoffe für den Baum verwandelt.

Rotbuchen behalten bis ins hohe Alter ihren jugendlichen Elan: Wo immer im dichten Laubdach Licht einfällt, etwa durch den Sturz eines Nachbarn, breitet sich ihre Krone rasch aus. Dem Jugendwahn huldigen sie jedoch nicht. Ganz im Gegenteil, sie weiß ihre Kräfte gut einzuteilen: Mastjahre, das sind Jahre mit besonders reichlicher Bucheckerbildung, gibt es nur maximal zwei im Jahrzehnt.


veröffentlicht im Berlin-Brandenburger Naturmagazin, 3/2011

Copyright Roland Schulz