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Die wilden Rinder der Uckermark

- Freiheit bis zum bitteren Ende -

Drei oder vier Jahre haben sie die Freiheit gekostet. Immer war ich auf ihrer Spur. Haustiere? Das war einmal. Wie ein Rudel Hirsche bewegten sie sich in langer Reihe, hatten Wechsel im Wald, menschensichere Ruheorte. Nur wenn es dunkel wurde, schoben sich die massigen weißschwarzen Körper ganz langsam, permanent engespannt sichernd aus dem schützenden Blätterdach. Ein Jahr, zwei, dann drei und vier. Jeden Winter haben sie überstanden. Klar, ich habe auch Opfer gefunden.

Aber zwei Bullen und viele Kühe haben für Nachwuchs gesorgt. Bis eines Tages der Erlass kam, sie müßten geschossen werden. Rechtlich waren sie im Besitz des Landwirtschaftbetriebes und wären sie auf die nahe Autobahn gelaufen, hätte dieser bei Unfällen haften müssen. Aber, mal ehrlich, was sollen wilde Rinder auf der Autobahn von Berlin nach Stettin?

Im ersten Dämmerlicht vor Sonnenaufgang holperte der Jäger Norbert Zimmerer mit seinem Geländewagen zum Achtersee. Wie schon so oft. „Plötzlich stürmten aus dem Nebel neun oder zehn massige Tiere über den Weg. Keine 30 Meter vor mir. Dann waren sie sie auch schon hinter einer Kuppe verschwunden.“ Zimmerer war ihnen wieder begegnet, den wilden Rindern der Uckermark.

Im Juli 1999 tobte ein schwerer Gewittersturm über dem nordöstlichen Brandenburg. Der Sturm entwurzelte große Fichten, die den Stacheldrahtzaun der benachbarten „Töpferberger Weide“ durchschlugen. Sechs schwarzweiß gefleckte Jungrinder nutzten diese Öffnung als Tor in die Freiheit. Bis heute sind alle Versuche des Besitzers, die Tiere wieder einzufangen, fehlgeschlagen.

Leichtfüßig und scharfsinnig

In beinahe zwei Jahren Freiheit wurden aus zahmen schwerfälligen Rindern scheue leichtfüßige Wildtiere. Tagsüber dösen sie im Wald und nachts grasen sie auf den umliegenden Feldern und Wiesen.

„In den Sommermonaten finden sie auf Getreidefeldern, Wiesen und im Wald einen reich gedeckten Tisch,“ erläutert der örtliche Tierarzt, Dr. Harald Hänsch. „Die Wintermonate sind dagegen sehr mager.“ Vielleicht zu mager? Der Tierarzt zuckt mit den Schultern. „Das werden wir sehen, wenn ein langanhaltender schneereicher Winter kommt.“ Die beiden letzten Winter waren mild gewesen. Alle wilden Rinder haben bislang überlebt.

Da auch zwei Bullen unter den Ausreißern sind, wächst die Herde. Allein in diesem Frühjahr wurden bislang zwei Kälbchen geboren. Trotz langanhaltender Kälte und Schnee im April sind sie wohlauf. „Das Kalben ohne menschliche Hilfe ist nichts ungewöhnliches“, so Dr. Hänsch. „Auf Weiden verlaufen 99 Prozent der Geburten problemlos. Aber Bullen sind immer auch eine potenzielle Gefahr für Menschen.“ Für Pilzsammler, Wanderer, für Naturliebhaber. „Bullen sind unberechenbar“, fügt der Tierarzt hinzu.

Heinz Lunk ist der letzte selbständige Bauer in Groß Ziethen. In blauer verwaschener Joppe und braunen Cordhosen kontrolliert er die Zäune seiner Rinderkoppel. „Das Gras ist gut jewachsen. Am Sonnabend bring ick meine Kühe auf de Weide. Hoffentlich lassen die verwilderten Bullen meine Kühe zufrieden und renn´ den Zaun nich um. Denn bin ick meine Kühe auch los.“ Sein Blick gleitet nachdenklich über die Äcker mit Winterweizen und Sommergerste. „Det Getreide steht jut. Aber ernten werd ick wohl wieder wenig.“ Die Jäger schiessen seiner Meinung nach zuwenig Wildschweine. „Im Juni gehn die Schweine nich mehr raus aus´d Jetreide. Und nu noch die wilden Kühe dazu.“ Elektrozäune, die Lunk zum Schutz vor den ungebetenen Gästen aufgestellt hat, haben sich als weitgehend wirkungslos erwiesen. Erst gestern hat er sich wieder beim Besitzer der Rinder beschwert. Doch spätestens zum Jahresende wird Schluß sein.

Spuk im Seebruch

Wegen der unberechenbaren Bullen und der Schäden am Getreide ist das Ende der wilden Rinder in der Uckermark beschlossene Sache. Im Spätsommer wird der Besitzer ein letztes Mal versuchen, die Rinder einzufangen. Sollte auch dieser Versuch mißlingen, werden die Jäger gebeten, die Rinder abzuschießen.

Seine Pirsch führt Zimmerer durch eine sanftwellige Agrarlandschaft zum entwässerten Achtersee. Vorbei an steinreichen Äckern, feuchten Wiesen, weißblühendem Schlehengebüsch und noch wintergrauen Schilfflächen. Von einem Hügel bietet sich ein weiter Blick über die Landschaft. Und da stehen sie. Seelenruhig grasen die Rinder direkt am Waldrand. Am hellichten Tag. Durch das Fernglas erkennt der Jäger bei einigen Tieren sogar die gelben Ohrmarken, die ihre Herkunft belegen. Mit dem Wind im Rücken schleicht er über eine Obstwiese mit mehreren Dutzend alten Pflaumenbäumen. Bodenwellen und dichtes Gebüsch schützen ihn vor den Blicken der wachsamen Rinder. Nur noch ein paar Meter in gebücktem Gang, dann werden sie in Reichweite seiner Kamera sein. Aus der Deckung des noch unbelaubten Schlehendickichts späht er vorsichtig durch das Astgewirr. Doch vergeblich. Die Rinder sind verschwunden. „Als ob es spuken würde. Noch scheuer als Wild“, schüttelt der Jäger seinen Kopf. „Die müssen mich gewittert haben“.

Nächtliche Zaungäste

Am Dorfrand steht ein älterer Mann mit abgewetzter Schiebermütze und blauem Arbeitsanzug vor seinem Haus. Aus den umliegenden Schilfflächen schallt das allabendliche Laubfroschkonzert. „Gestern hab ick den hohen grünen Zaun um meinen Rasen jezogen.“ Der Blick auf den Rasen bleibt an zahlreichen tiefen rundlichen Kratern hängen. Hufspuren. Bei dem Rentner Traugott Guse war die Rinderherde vorletzte Nacht zu Besuch. „Bevor die noch in meine Stube rinnkomm, sperr ick besser ab. Aber der Spuk wird Jottseidank bald vorüber sin.“

Noch allerdings findet der aufmerksame Beobachter zahlreiche Spuren der Rinderherde. Über den bereits vor Generationen trockengelegten Achtersee geht Zimmerer auf schwingendem Moorboden. Auf der Suche nach den Rindern. An einer breiten, moosüberwachsenen Feldsteinmauer, „der alten Gemarkungsgrenze“, beginnt der Wald. Im schummerigen Dämmerlicht eröffnet sich eine bewegte Landschaft. Unübersichtliches Gelände, Hügel, Talkessel, steile Hänge und sanfte Kuppen. Achterbahnlandschaft. Der Jäger denkt an frühere Jahrhunderte, als tausende von Rindern, Pferden und Schafen hier im Grumsiner Forst geweidet wurden. „Vor 200 Jahren waren die Wälder hier durch die übermäßige Weide sehr licht und überaltert. Junge Bäume wurden, kaum waren sie gekeimt, von dem Vieh gefressen oder zertrampelt. Nur Birken, Wacholder und allerlei Dorngebüsch konnten sich entfalten. Das hatte wenig mit dem heutigen Wald zu tun.“

Doch weiter. Eintauchen in das Düster einer Fichtenschonung. Plötzlich ein strenger Geruch in der Luft. „Wildschweine.“ Nur wenige Schritte weiter liegen im Halbdunkel frische Kuhfladen. Daneben Hufspuren. Noch vorsichtiger. Noch leiser. Diesmal gegen den Wind. Dann ein Lagerplatz der Herde. Das spärliche Gras von den schweren Leibern plattgedrückt. Doch die Kühe bleiben verschwunden.

In der Abenddämmerung holpert der Geländewagen im Schrittempo Richtung Dorf. Bis Zimmerer stoppt. Zwei Kraniche suchen noch bedächtigen Schrittes nach Futter. Doch seine Aufmerksamkeit gilt nicht den großen Vögeln. Sein Fernglas weist auf das Schlehengebüsch zwischen zwei großen Birken. Hatte sich dort etwas bewegt? Ein weißer Kopf erscheint behutsam in einer Öffnung des Schlehendickichts. Das Maul nach oben gereckt, wittert er über eine lange Minute. Die Luft scheint rein zu sein. Schwarz-weiß gefleckte massige Körper schieben sich erst zögernd, dann schneller aus dem Schutz der Bäume. Einer nach dem anderen. Sieben Rinder. Die Leitkuh wittert weiter. Bevor auch die Kälbchen aus dem schützenden Dickicht treten, ist sie wieder im Wald verschwunden. Die anderen Rinder folgen ihr. Wie lange wohl noch?


veröffentlicht in der Märkischen Oderzeitung 2001

Copyright Roland Schulz