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Der Steckbrief zum Grumsin

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Der Jahrhunderte lange Weg zum Weltnaturerbe


Bis zuletzt stand die Anerkennung des alten Buchenwaldes Grumsin, auf des Messers Schneide. Als es im Juni 2011 nach einer mehr als fünf Jahre dauernden Vorbereitungsphase endlich so weit war und die UNESCO-Kommission in Paris über den künftigen Status des Grumsin entscheiden sollte, konnten sich die Stimmberechtigten zunächst nicht einigen. Zu klein seien die vorgeschlagenen deutschen Rotbuchenwälder, noch keine echten Urwälder wären sie und außerdem würden zu viele Wege den alten Wald zerschneiden. Das Ergebnis: Eine weitere Nacht Ungewissheit - zwischen Hoffen, Zweifeln und Bangen. Als am 25. Juni 2011 gegen 11.00 Uhr die Kirchenglocken in Altünkendorf läuteten, war der Bann gebrochen: Der Grumsin ist gemeinsam mit vier anderen alten Buchenwäldern Deutschlands und Buchenurwäldern der Karpaten Weltnaturerbe eine Erbengemeinschaft.

Nach der Grube Messel bei Darmstadt und dem Wattenmeer erst das dritte Weltnaturerbe in ganz Deutschland. Damit steht der Grumsin nun gleichberechtigt neben der Serengeti in Tansania oder dem Grand Canyon in den USA. Was für eine Auszeichnung und zugleich, welch Verpflichtung, welche Chance!

Nun, den zwischen Joachimsthal und Angermünde gelegenen Wald kenne ich seit 20 Jahren und Stück für Stück, Wanderung für Wanderung und Erlebnis für Erlebnis haben wir uns angenähert. Längst ist er mein schönster Wald der Welt. Schon wenn der Blick auf der Bahnfahrt von Berlin nach Angermünde, so ab der Station Herzsprung nach links, nach Norden, schweift, freut er sich an dem langgezogenen bewaldeten Höhenrücken im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Für mich ist er ein Stück weit Uluru, der Ayers Rock in grün.

Im faszinierenden Waldjahresreigen

590 Hektar des Grumsin sind als Weltnaturerbefläche ausgewiesen. Gemeinsam mit unmittelbar anschließenden Flächen gehört er zum größten zusammenhängenden Tieflandbuchenwald der Welt, der rund 2.800 Hektar bedeckt. Doch der alte Wald und seine Bewohner zeigen sich oftmals nicht auf den ersten Blick spektakulär, begeistern nicht sofort als jederzeit verfügbares Naturwunder. Er will entdeckt werden. Einmal, zweimal und am besten viele Male. Im Winter, wenn er ein Hort der Ruhe ist, wenn sein Buchenkronengeflecht filigrane Muster vor dem fahlen Winterhimmel zeichnet und der weite Blick ungehindert zwischen den silberglänzenden Buchenstämmen schweifen kann. Im Frühjahr, wenn der Wald mit dem ersten hellgrünen Laubaustrieb ein deutliches Lebenszeichen setzt. Ganz zu schweigen von den Vogelkonzerten, den weithin hallenden Kranichrufen, die in den zahlreichen Mooren des Grumsin willkommene Kinderstuben finden. Weiter geht es Tag für Tag, das Buchenlaub färbt den Wald im beginnenden Mai erst hell- und rasch dunkelgrün. Suchende Blicke fangen sich längst nach wenigen Metern in dichten Blattvorhängen. Mai und Juni sind die Monate der Blütenreigen im Moor: Sumpfcalla, Wasserfeder und Wollgras geben sich die Ehre. An verborgenen Stellen strahlen Fieberklee und Sumpfblutaugen im Wasser. Der Sommer gibt sich bescheidener. Schatten und angenehme Kühle bestimmen Juli und August. Kaisermäntel gaukeln über die Lichtungen und das dichte Laub filtert die Geräusche der "Außenwelt". Der Jahresreigen dreht sich weiter. Immer gleich und dabei jedes Mal neu: Im September beginnt die große Zeit der Rothirsche, ihre Rufe röhren durch die Nacht. Das Buchenlaub zaubert seinen Farbenrausch: Rot, gelb, orange und kupfer mischen sich in täglich wechselnden Mosaiken. Es gibt wenig Schöneres, als an einem himmelblauen Herbsttag in diese bunten Kronen zu blicken, während sich ein Blatt nach dem anderen löst und leise zu Boden segelnd den Winter ankündigt.

Gefrorene Wasserfälle und andere Raritäten

Pilze schicken ihre vielfältigen Fruchtkörper aus der Unterwelt und an einigen gefallenen alten Buchenstämmen entstehen kleine reinweiße "gefrorene Wasserfälle", daran erinnern jedenfalls die Fruchtkörper der Buchenstachelbärte. Diese seltene Pilzart gilt als so genannter "Urwaldzeiger". Dies sind Pflanzen und Tiere, die in Wirtschaftswäldern kaum noch Lebensraum finden. Die Käferarten Eremit oder Kopfhornschröter zählen zu diesen oftmals im verborgenen lebenden Arten, die auch im Grumsin zu Hause sind. Bis zu 10.000 verschiedene Tier-, Pflanzen- und Pilzarten soll ein alter Buchenwald beherbergen können. Das klingt beachtlich und doch, wenn Wissenschaftler im Grumsin bislang mehr als 800 unterschiedliche Käferarten und rund 350 Pflanzenarten notiert haben, dann scheint die Gesamtartenzahl von 10.000 realistisch.

Seeadler nutzen den Grumsin, Schwarzstörche horsten in der Nachbarschaft, die während ihrer Hochzeitstage im März und April himmelblauen Moorfroschmännchen sind unterschätzte Augenweiden und selbst der vom Aussterben bedrohte Pommernadler - besser als Schreiadler bekannt - hat hier vor wenigen Jahren noch sein Küken aufgezogen.

Die Geschichte des alten Waldes

Der Grumsin ist ein Kind der Eiszeit und ein wenig auch ein Kind von Zufällen oder Fügungen. Der Reihe nach. Als vor rund 15.000 Jahren die Gletscher der Weichseleiszeit wuchtige Endmoränen vor sich aufgetürmt haben, darunter den Blocksberg mit 139 Metern, haben sie das Gerüst für diesen alten Buchenwald gelegt. Seine Reliefenergie, seine steilen Hänge, sein Auf und Ab, die bunten wie zufällig zerstreuten Granitblöcke seine wunderschönen Waldseen wie Buckow-, Daber- oder gleich drei Schwarze Seen, seine Moore, seine Birkenpossen, all das macht diesen Wald unverwechselbar.

Vor rund 4.000 Jahren hat die Rotbuche, die sich vor den eiszeitlichen Unbilden weit nach Südosteuropa zurück gezogen hatte, diese Endmoräne erreicht. Die Rotbuche, die für Deutschland viel charakteristischer ist als die Eiche. Ohne menschliche Eingriffe wären rund 70 Prozent der Landesfläche von Rotbuchenwäldern bewachsen. Das sind etwa 25 Prozent des gesamten Areals der Rotbuche, die nur in Europa vorkommt.

Rotbuchenkraft

Rotbuchenwald hei“. Das Geheimnis ihres Erfolges ist rasch erzählt: Besonders in Mastjahren, das sind Jahre mit besonders reichlicher Bucheckernbildung, keimen kleine unzählige Buchen mit ihren hübschen schmetterlingsgleich geformten Keimblättern. Einige wenige schaffen es selbst im dunklen Schatten der großen Bäume jahrelang zu überdauern. Das unterscheidet die Buchen von allen anderen Bäumen Europas. Ohne großes Wachstum, vielfach noch vom Wild verbissen und doch jederzeit bereit für den großen Moment harrt sie aus. Jahr um Jahr, Jahrzehnte. Wenn nun ein alter Baum im Sturm oder von Pilzen aufgezehrt bricht, bildet sich ein Lichtkegel. Und damit hat der rasante Wettlauf mit der Zeit begonnen. Es geht um alles! Die benachbarten großen Buchen schieben Äste in den freien Lichtraum und alle kleinen Buchen, welche die Schattenzeit überlebt haben, drängen so rasch wie möglich ans Licht. Offen die Frage, wer es schaffen wird. Der Buchenwald als Ganzes steht im Mittelpunkt und so geht der Reigen immer weiter.

Bis vor wenigen Jahren hieß der Grumsin noch Grumsiner Forst. Und war der Begriff Forst im Mittelalter ein Synonym für Herrscherwald, in dem diese der Jagd frönten, steht er heute für einen Wirtschaftswald und nicht selten für Monokulturen. Der Grumsin wurde in den letzten Jahrhunderten vielfältig genutzt und ebenso hat ihn die herrschaftliche Jagd geprägt.

Der alte Wald hat eine Geschichte, in der er aufgrund seines Reliefs aber niemals großflächig als Acker- oder Grünland genutzt wurde. Also ist er im Wortsinn alter Wald.

Schweine, Wölfe, Glas

Reisen wir doch einfach einmal ein halbes Jahrtausend in die Vergangenheit. Von Joachimsthal aus jagten Markgrafen und später Kurfürsten. Wölfe, Bären und Luchse streiften noch durch die Wildbahn. Die enorme Bedeutung der Jagd dokumentiert am besten ein Wildzaun, der lückenlos mehr als 70 Kilometer von Oderberg nach Fürstenberg gezogen und unterhalten wurde. Er sollte das Wild in den heimischen Wäldern halten. Was für ein Aufwand. Vor 400 Jahren entstanden die ersten Glashütten, deren Holzhunger tiefe Lücken in die Wälder fraß. Der Wald diente bis ins 19. Jahrhundert immer auch als landwirtschaftliche Hilfsfläche. Bis etwa 1750 wurden die Hausschweine während des Herbstes auch im Grumsin gehütet. Große Eichen und auch Buchen lieferten den begehrten "Eckerich", Eicheln und Bucheckern, deren Verzehr hervorragenden Schweineschinken garantierte. Aber nur, wenn die Hirten darauf achteten, dass die Schinkenlieferanten nicht zu viele Bucheckern fraßen. Diese verliehen dem Fleisch eine unerwünschte tranige Note. Klar, dass die Bauern für den Eintrieb teuer bezahlen mussten und die "berechtigten" Schweine für Kontrollzwecke gebrandmarkt wurden.

Der Winter 1739 veränderte den alten Wald grundlegend. Ein langer Eiswinter war es, der die Temperaturen unter Minus 40 Grad brachte. Die Eichen krachten im Frost, das Holz sprang und die Todgeweihten wurden in den kommenden Jahren gehauen und für teures Geld nach Holland verkauft. Auch im Grumsin zeichnen alte Karten um 1800 viele Hektar als baumlose "Räumden" aus. Die moderne Forstwirtschaft entwickelte sich, die Räumden wurden wieder grün.

Sämtliche Seen des Grumsin mit Ausnahme des Buckowsees wurden in den vergangenen 250 Jahren soweit möglich entwässert. Jeder Quadratmeter nutzbares Land wurde dringend benötigt. Am Rande, der Name Buckow stammt vom slawischen Buck, das für Buchen steht. Ein Beleg, dass Slawen hier vor vielleicht 800 Jahren eine Heimat fanden.

Menschengeschichten

Vieles ließe sich erzählen und auch eine Reise in die Bronzezeit verspräche interessante Begegnungen. Im Grumsin und nördlich anschließend zeugen mehr als 30 Hügelgräber von einer bedeutenden früheren Siedlungskammer. Auf einem an allen Seiten steilen Höhenzug, zum Teil durch Menschenhand geformt, haben vor 1.500 Jahren Burgunder gesiedelt und gelebt. Mag sein, dass sich hier in den Schutz der alten Schanze auch während der Schwedenkriege noch Menschen versteckt haben.

Jetzt noch zu den Zufällen oder Fügungen, die aus dem Grumsiner Forst einen Bestandteil des Weltnaturerbes alte Buchenwälder werden ließen. Die Zeitreisen werden kürzer und wir gehen in die beginnenden 1960er Jahre. Erich Mielke residiert in Wolletz und der Grumsin war Teil seines Sonderjagdgebietes. Der Wald wurde als Holzlieferant genutzt und doch hatte die Jagd Vorrang. Professor Michael Succow erinnert sich, dass auch Mielke gefragt wurde, ob er den Grumsin weiter entwässern lassen wolle. Komplexmelioration, so lautete das damalige Zauberwort. Doch Mielke verneinte, er liebte die feuchten Senken, Moore und Sümpfe wohl auch, weil sich dort zahlreiche Wildschweine einfanden. Dann wirkten im Grumsin bis in die 90er Jahre Förster wir Herbert Kranz, der schöne geradschaftige alte Buchen lieber schonte und als Mutterbäume für die Naturverjüngung nutzte, als diese zum Hieb freizugeben. Und Zeitzeugen zufolge soll er seinen Wald nicht nur gehütet haben, sondern auch eine goldene Hand bei der Naturverjüngung gehabt haben. Also gebührt auch ihm sein Anteil am heutigen Weltnaturerbe.

Der Punkt auf dem "i"

Nicht genug der Fügungen: Mit der Gründung des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin wurde 1990 der Grumsin als so genannte Kernzone oder Naturentwicklungszone ausgewiesen. Hier sollte Raum für natürliche Prozesse geschaffen werden und die Entwicklung aus Wirtschaftswäldern zu Urwäldern nahm weiter Fahrt auf. Nicht immer zur Freude der Menschen in den umliegenden Dörfern, die Wald in dieser Zone besaßen. Doch heute überwiegen unbestritten die Chancen und Potenziale in dieser Region, die nicht mit finanziellem Reichtum gesegnet ist, aber mit außergewöhnlichen Naturschätzen beschenkt wurde. In Altkünkendorf entsteht im Dorfgemeinschaftshaus aktuell ein Informationszentrum über den Grumsin, eine nördliche Eintrittspforte in den alten Wald, das Wissen und Hintergründe vermittelt. In Groß Ziethen bildet das Museum Alte Dampfmühle mit Ausstellungen zum Geopark "Eiszeitland am Oderrand" sowie mit der Ausstellung zum Weltnaturerbe die südliche Eintrittspforte in den alten Wald und die Eiszeit. Und klar, wer den Wald erleben will, seinen oftmals verborgenen Schätzen begegnen möchte, der sollte sich einer Führung anschließen und sich einige Tage zuvor anmelden. Die Naturwacht Brandenburg bietet diese an, die Blumberger Mühle, zahlreiche Natur- und Landschaftsführer und natürlich auch die Mühle in Groß Ziethen. Mag sein, dass Sie den alten Wald einmal besuchen, vielleicht wiederkommen, zahlreiche Facetten dieses Buchenwaldes erleben und er zu Ihrem schönsten Wald der Welt wird.

Der Buchtipp zum Welterbewald

Das erste Buch zum Weltnaturerbe bietet neben einer Einführung in das Weltnaturerbe der Uckermark zahlreiche wunderschöne Fotos aus dem Grumsin und sechs ausführliche Interviews mit Zeitzeugen, deren Lebensweg mit diesem alten Wald seit vielen Jahren eng verwoben ist.

Dr. Tilo Geisel, Dr. Michael Egidius Luthardt, Roland Schulz - DER GRUMSIN UNESCO-Weltnaturerbe "Alte Buchenwälder Deutschlands" Bildband -, Hardcover 128 Seiten, 24,5 x 30,5 cm 1. Aufl . 2012 zweisprachig (deutsch/englisch) 170 großformatige, Farbfotos ISBN 978-3-943487-00-8 ; Ladenpreis: 29,95 € - Erhätlich in der Angermünder Verlagsbuchhandlung Ehm Welk, unter www.buchschmook.de und überall, wo es Bücher gibt.

Roland Schulz


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veröffentlicht im Prenzlauer Heimatkalender 2013

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