Natur

Umwelt

Menschen

Weltnaturerbe Grumsin

Reisen

Kontakt

nature-press




presse-dienst


Brandenburg gräbt sich das Wasser ab

- Grundwasserspiegel sinken bedenklich -

Vor vier Jahren hat die "Oderflut" die Brandenburger wochenlang in Atem gehalten. Als dann endlich die größte Gefahr gebannt war, erklärten Politiker und Helfer, es hätte viel schlimmer kommen können. Und es kam schlimmer. Nur kaum einer hat es bemerkt.

Die Grundwasserspiegel im Land Brandenburg sind großräumig gesunken. Doch diese Entwicklung ist nicht neu. Schon seit Jahren beklagen Fischer, Naturschütstauanlagen_werden_marode_und_entlassen_zuviel_wasser_aus_der_landschaftzer und Badegäste die sinkenden Wasserspiegel in zahlreichen brandenburgischen Gewässern. Besonders Seen, Kleingewässer und Feuchtgebiete, deren Wasserspiegel direkt mit oberflächennahem Grundwasser verbunden ist, sind hiervon betroffen. Bereits 1990 wurde in der Verordnung des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin als vorrangiges Ziel formuliert, den ursprünglichen Wasserhaushalt wiederherzustellen. Politische Reaktionen erfolgten allerdings vorerst nicht. Kann es daran gelegen haben, dass sich die Wasserstände nicht so spektakulär veränderten wie bei der Oderflut?

Am 19. Juli 2000 schließlich wurde am Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Raumordnung (MLUR) gehandelt und die Projektgruppe "Landschaftswasserhaushalt" gegründet. Spezialisten aus Land- und Forstwirtschaft, Naturschutz und Umweltanalytik suchen dabei gemeinsam nach Wegen zur Sanierung des Grundwassers. Ihre Kernaufgabe lautet, " konzeptionelle Vorstellungen zu erarbeiten mit dem Ziel, die knappen Wasserressourcen zum Vorteil der Landnutzer und der Landschaft langfristig sinnvoll und sparsam einzusetzen." Das Land hat sich, zehn Jahre nach dem Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, auf die Suche nach einem verbesserten Wassermanagement begeben. Doch welches sind die Ursachen für dieses landesweite Sinken des Grundwasserspiegels? Ist es der Klimawandel? Oder vielleicht der Tagebau und die Kiesgruben? Und welche Rolle spielen die Meliorationen, durch die große Flächen entwässert wurden? Fachleute vermuten, dass für die großräumig gesunkenen Grundwasserspiegel nur eine oder wenige gebietsübergreifende Ursachen verantwortlich sind.

Ursachenforschung

Die Suche nach plausiblen Ursachen hat uns in das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin geführt. Hier liegen zahlreiche Messdaten, Untersuchungen und Ergebnisse zum Wasserhaushalt vor. So werden seit 1978 im Gebiet der Schorfheide regelmäßig über 130 Messpegel kontrolliert. Andere Messreihen, wie für den Großen Pinnowsee bei Groß Schönebeck, reichen sogar bis 1966 zurück. Diese Daten ermöglichen zuverlässige Aussagen über die Veränderungen des Wasserspiegels von Seen und des oberflächennahen Grundwassers. Dabei wurden Senkungen des Grundwasserspiegels zwischen 0,6 und 0,8 Meter ermittelt.

Bei einer Kartierung der Biotoptypen in den Jahren 1995/96 wurde der Zustand der Feuchtgebiete erfasst. Ein Vergleich dieser gerade einmal fünf bis sechs Jahre alten Daten mit den aktuellen Gegebenheiten verdeutlicht den rasanten Wandel: Fast alle Oberflächengewässer führen heute im Jahresdurchschnitt weniger Wasser. Viele Flächen, auf denen 1995/96 noch Tümpel und Feuchtgebiete kartiert wurden, verlanden oder sind bereits völlig ausgetrocknet.

Für Thorsten Blohm, den Leiter des Referates Artenschutz am Biosphärenreservat, ist dies ein alarmierendes Ergebnis. "Durch das Austrocknen zahlreicher Kleingewässer in den letzten Jahren sind feuchtigkeitsliebende Tier- und Pflanzenarten gefährdet. Besonders für Amphibienpopulationen ist der Verlust ihrer Laichgewässer bedrohlich." Ebenfalls betroffen sind Kraniche, die ihre Bodennester auf Erhebungen in Sümpfen oder Kleingewässern anlegen. Durch das umgebende Wasser sind die Gelege besser vor Feinden wie Wildschweinen oder Füchsen geschützt. Zahlreiche dieser Brutplätze sind in den vergangenen Jahren ausgetrocknet. "Im Frühjahr haben wir Paare gesehen, die sich zwar am angestammten Platz eingefunden haben. Brüten konnten sie dort aber nicht, da die Kleingewässer ausgetrocknet waren." Der Biologe beklagt, dass jüngst Versuche, ehemalige Feuchtgebiete wieder zu vernässen gescheitert sind. Das Grundwasser ist bereits zu weit gefallen, um diesen Flächen noch Wasser spenden zu können.

Auf der Suche nach Ursachen fällt immer wieder das Stichwort Klimawandel. Doch dieses Argument ist nicht schlüssig. Die Höhe der Niederschläge ist trotz der zurückliegenden warmen Jahre mit durchschnittlich etwas unter 600 Litern pro Quadratmeter und Jahr weitgehend konstant geblieben. Und in Zukunft werden sich laut neuesten Erkenntnissen des "Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung" die Niederschlagsmengen in Brandenburg sogar erhöhen.

Auch der Kiesabbau und die Entnahme von Grundwasser werden häufig als die entscheidenden Ursachen für den gestörten Landschaftswasserhaushalt angeführt. Doch für den Gewässerökologen im Biosphärenreservat, Rüdiger Michels, sind diese punktuellen Eingriffe keine ausreichenden Erklärungen für das großflächige Absinken des Grundwassers. Als Beispiel führt er den Kiesabbau der Firma Haniel an. Der Betrieb bei Groß Ziethen verwendet seit 1996 Grundwasser, um die unterschiedlichen Kiesfraktionen zu trennen und zu reinigen. Haniel erhielt die Auflage, im 14-tägigen Rhythmus die Wasserspiegel an 15 Grundwassermessstellen und vier Oberflächenmesspunkten zu kontrollieren. In den letzten beiden Jahren wurde dabei eine Absenkung des oberflächennahen Grundwassers um beachtliche 0,4 Meter ermittelt. Die Wasserspiegel von drei umliegenden Gewässern mit Grundwasseranschluss, darunter der "Große Kagelpfuhl", sind ähnlich stark gesunken. So hat die Wasserentnahme durch die Firma unbestreitbar die jüngste Grundwasserabsenkung beschleunigt. Als alleinige Ursache scheidet sie jedoch aus, da die Gewässerspiegel schon seit vielen Jahren sinken. Ein einheimischer Badegast am Großen Kagelpfuhl erinnert sich, dass der Wasserstand hier vor 20 Jahren um mehr als zwei Meter höher war als heute. "Bis hier an die große Weide stand das Wasser."

Zerfallende Stauwehre

Für Michels liegen die entscheidenden Ursachen in den Komplexmeliorationen. Und der Verlauf der Grundwasserabsenkung scheint ihm Recht zu geben. So wurden im Einzugsgebiet des Großen Kagelpfuhls die letzten großen Komplexmeliorationen vor etwa 15 Jahren abgeschlossen. Damit begann das Wasser zu sinken. Das Ziel dieser Meliorationen bestand in der Gewinnung neuer Nutzflächen. Mit großem technischem Aufwand wurden dabei grundwasserbeeinflusste feuchte Böden entwässert. Zu diesem Zweck wurden Fließgewässer verdolt, Kleingewässer verfüllt, mehrere Meter tiefe Abzugsgräben angelegt und überschüssiges Wasser durch Pumpwerke weitergeleitet. Gerade in den 70er und 80er Jahren wurden diese Meliorationen mit schwerer Technik großflächig und sehr effektiv durchgeführt. Im Zuge dieser Meliorationen wurden jedoch immer Stauwerke errichtet. Mit diesen meist kleinen unscheinbaren Stauanlagen ließ sich der Wasserstand in den Gräben, der die Höhe des oberflächennahen Grundwassers mitbestimmt, noch in gewissem Rahmen regulieren. Waren die Stauanlagen geschlossen, konnte das Wasser lange in der Landschaft zurückgehalten werden. So, wie heute von der Projektgruppe Landschaftswasserhaushalt gefordert.

Rüdiger Michels verweist auf die ersten Jahre nach der Wende: "In den Amtsblättern wurden die Eigentümer, auf deren Flächen sich Stauwerke befanden, wiederholt aufgerufen, sich zu melden. Damals hätten wir sicher Mittel und Wege gefunden, die Anlagen zu erhalten. Aber kaum jemand hat sich in diesen Jahren gemeldet."

In ganz Brandenburg stehen heute noch ungefähr 13.000 dieser Stauwerke. Viele davon sind aber marode oder bereits völlig verfallen. Keiner war für Erhalt und Sanierung zuständig. Auch die Boden- und Wasserverbände nicht. Laut Gesetz sind sie nur für den schadfreien Abfluss des Wassers aus der Landschaft verantwortlich. Was vor zehn Jahren noch mit einem vergleichsweise sehr geringem finanziellen Aufwand möglich gewesen wäre, würde heute sehr teuer werden. In dieser Instandsetzung der Stauwerke liegt aber laut Rüdiger Michels der Schlüssel für die flächendeckende Sanierung des Wasserhaushaltes in Brandenburg.

Der Leiter der Projektgruppe "Landschaftswasserhaushalt", Matthias Freude, hat für die erste Septemberhälfte im Jahr 2001 eine Veröffentlichung ihrer bisherigen Tätigkeiten und Ergebnisse angekündigt. Das wichtigste Ziel bleibt laut Minister Birthler, "das wenige Wasser möglichst lange in der Landschaft zu halten." Die Veröffentlichung der Projektgruppe wird zeigen, ob diesen Worten auch Taten folgen werden. Es muss ja nicht bis zur nächsten Oderflut gewartet werden.


veröffentlicht im Berlin-Brandenburger naturmagazin 5/2001

Copyright Roland Schulz