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Herbert Schüßler, der Hohenloher

- Soviel Interesse, soviel Erlebnisse, soviele Projekte -

Ohne viele Worte drei kurze Berichte, die ein klein wenig in die Erkenntnisse, das Wissen und das Leben des Hohenloher blicken lassen. Alles andere ist gesagt.

Bericht 1: Mit kurzen Hosen durch den kalten Winter

Die Kinder im alten Dorf waren von allem etwas: große Abenteurer, kleine Handwerker und emsige Bauern. Neben Schule und Kinderspiel gab es unzählige Möglichkeiten, sich durch Mithilfe bei Erwachsenen einiges abzugucken und so behutsam in die Welt hineinzuwachsen.

Vor rund 60 Jahren war Rot am See wie so viele hohenlohische Dörfer ein Ort, an dem sich Kinder noch ihre Welt erobern konnten. Dabei war nicht alles Spiel. „In den Nachkriegsjahren haben wir im Herbst den Bauern beim Laubrechen im Wald geholfen,“ erzählt der Heimatforscher Herbert Schüßler. Mit diesem Laub hätten die Bauern die Ställe eingestreut. Ebenso hätten sie Fichtenzapfen, die „Motscheln“ zum Anheizen der Öfen gesammelt.

Bucheckernöl

Und Bucheckern. „Diese brachten wir in die Ölmühle, wo aus den kleinen Früchten Bucheckernöl gepresst wurde. Endlich gabs dann einmal Schmalzgebackenes. Fett war damals rar.“ Kinderfreundlich waren die Menschen. Wenn der Magen knurrte, was häufig vorkam, hatten sie immer eine Adresse, bei der sie „ein Weißbrot mit Butter und Gsälz“ abholen konnten. Und wurde ein Holzschwert benötigt, gings zum Zimmermann. Der hatte zwar selten Zeit, aber ein Geselle hats meist gerichtet. Oder beim Nachbarsbauer, ebenfalls in der Gasse seiner Kindheit: „Wir haben im Stall helfen dürfen und die Rüben abladen oder das Heu fest gehopft, damit alles in den Heuboden passt. Das alles hat uns enormen Spaß gemacht.“ Ein beliebter Treffpunkt war die Molkerei, wo die Milchkutscher ihre Wagen mit großen silberglänzenden Milchkannen beluden.

Winterfreuden für groß und klein

Ein Hauptvergnügen bot der Winter: „Mitten im Ort, wenn die Milchkutscher weg waren, sind wir auf der Gasse Schlitten gefahren. Damals wurden die Straßen nicht gestreut.“ Und andauernd seien sie erkältet gewesen. „Einige hatten nicht einmal lange Hosen. Die sind mit kurzen Hosen und langen gestrickten Strümpfen gefahren.“ Als Proviant steckten in den Taschen getrocknete Apfelringe und Zwetschgenhutzeln von der Oma. Abends so ab 19.00 Uhr hätte die Rodelbahn dann den Heranwachsenden gehört, die ab und zu mit großen Bauernschlitten die Gassen heruntergerauscht seien. „An jeder Seite 4 bis 5 Mitfahrer und vorne zwischen den Kufen zwei mit Schlittschuhen an den Füßen, die gelenkt haben. Das war nicht ganz ungefährlich.“

Eine bedeutende Rolle im Kinderleben spielte die Kirche: „Im Sommer sind wir gerne mit dem Mesner auf den Turm gestiegen und haben die schweren Gewichte der Uhr mit einem großen Dreher hochgezogen. Die Aussicht vom Turm über den Ort war wunderschön.“ Und: Im Gebälk der Uhrenstube hätten sich Generationen von Buben mit Taschenmesser oder Stift verewigt.“

Ebenso beliebt war das Läuten der schweren Glocken, wenn „wir leichten Kinder mit dem Glockenseil hochgezogen wurden. Heute funktioniert alles vollautomatisch. Die Turmstube ist seelenlos und unbelebt“. Schüßler erinnert sich an Lumpensammler, die mit Handwagen von Dorf zu Dorf zogen. Und natürlich an den Nigrin-Mann, eine Werbefigur für Schuhcreme, der als Schornsteinfeger gewandet auf Stelzen durchs Dorf ging und jedes Kind, dass ihm eine entsprechende Schuhcremedose zeigte, mit einem springenden Blechfrosch beschenkte.

Abschließend zeichnet Schüßler ein Bild verlorener dörflicher Vielfalt: „Allein in unserer hundert Meter langen Gasse gab es damals fünf Bauern, fünf Handwerker, die Molkerei und ein Gasthaus.“ Geblieben sind 60 Jahre später ein Handwerke

Bericht 2: Getrunken wurde aus dem Bach

Im letzten halben Jahrhundert hat sich viel getan. Hier wurden Felder zusammengelegt, dort verschwanden ganze Obstgärten am Dorfrand und nicht mehr als Rinderweide benötigtes Grünland ist längst weite Ackerfläche. Im Heimatforscher Herbert Schüßler aus Rot am See lebt die Landschaft seiner Kindheit lebendig fort.

Die Zeit ist schnelllebig geworden und das dörfliche Umfeld, vor 50, 60 Jahren noch vielfältiger Lebensraum, wurde zur Produktionslandschaft umgestaltet. „In dieser Zeit gab es in Rot am See drei bis vier Autos. Entfernungen wurden meist zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt,“ läßt Schüßler die vergangenen Jahre im Geist wieder lebendig werden. „Vom Dorf gingen in alle Richtungen traditionell die kürzesten Verbindungen, einfache Fußwege, zu den Nachbarorten.“ Diese Pfade führten über Wiesen und wo unbedingt nötig schon einmal mitten durch die Felder. „Damals waren bestenfalls die Hauptwege geschottert. Normale Feldwege gliederten als unbefestigte Erdspurwege Felder und Wiesen.“

Segensreicher Most

Als Kinder hätten sie sich vor rund 60 Jahren die Landschaft rund um das alte Dorf erschlossen. „Wir kannten jeden der zahlreichen Obstbäume, die Rot am See wie ein Mantel einhüllten.“ Zudem gab es viel mehr unterschiedliche Obstsorten als heute. Die Bäume in der Feldflur spendeten nicht nur Obst, sondern in der sommerlichen Mittagshitze auch Schatten für Mensch und Tier. Heute sei dieser schützende Mantel sehr löcherig geworden. Das liege an den vielen Neubaugebieten und dem verloren gegangenen Nutzen der Früchte: So ist Most längst nicht mehr das hohenlohische Nationalgetränk und Bratäpfel oder getrocknete Zwetschgenhutzeln sind selbst für ältere Menschen meist nur noch Erinnerung.

Verrohrte Lebensadern

Damals war es üblich, dass jeder Bauern einen Krautgarten inmitten seiner Felder angelegt hatte. „Wenn wir hungrig waren, haben wir immer gewusst, wo wir gelbe Rüben oder einen Kohlrabi finden konnten,“ erinnert er an die frühere Selbstversorgung der Kinder.
Auch Durst war für die Jungen auf ihren Streifzügen kein Problem: „Wir legten uns auf den Bauch und tranken aus einem Bach.“ Das klingt heute beinahe unglaublich und war doch ganz gewöhnlicher Alltag. Den Lieblingsplatz des Buben, der er damals war, sieht Schüßler noch heute genau vor sich: „Es war ein toter Arm des Baches. Die Sonnenstrahlen spielten auf dem sandigen Grund und wer ruhig am Ufer wartete, konnte Schwärme kleiner Fische und ab und zu auch einen großen vorbeischwimmen sehen. Heute ist das Wasser allgemein verdreckt, veralgt und grau. Die Sonne kommt gar nicht mehr bis zum Grund. Nach Hochwasser hängt überall im Schilf und den Weiden Wohlstandsmüll wie Plastikfetzen.“ Für fischreiche Totarme oder gewundene Bäche sei kein Platz mehr. Die Gewässer wurden begradigt, bereinigt, in Betonschalen gelegt und hätten ihre Lebensraumfunktion verloren. „Als Kinder haben wir hier noch drei Molcharten gekannt. Hier lebten Stichlinge, Schupper, Forellen, Hecht und Krebse.“

Die Frage, ob das hohenlohische Leben vor einem halben Jahrhundert langsamer gewesen sei, verneint er ohne Zögern. „Das Leben war intensiver. Es war begreifbar. Wir lebten unser kindliches Leben ohne Unterhaltungselektronik. Die größte Veränderung zu früher ist eine immer lauter und schmutziger gewordene Umwelt.“

Bericht 3: Harte Schale, Feuerkern

„Die Hohenloher Feuersteine sind in Farbe und Schönheit weltweit einmalig.“ Mit diesem für Hohenloher eher untypischen Superlativ beschreiben Experten die von außen meist unauffälligen Steinknollen, die vor rund 220 Millionen Jahren mit dem Keuper entstanden sind. Einer dieser Experten, Herbert Schüßler, ist sogar in die Mikrowelt der Steine getaucht.

So einfach in Schubladen packen läßt sich Herbert Schüßler aus Rot am See nicht: Ist er nun in erster Linie Heimatforscher, Buchautor, Hobbymaler oder vielleicht doch eher Archäologe? Ganz egal, als Mitautor des 1999 erschienenen Buches „Entstehung, Schönheit und Rätsel der Hohenloher Feuersteine“ ist das Attribut Feuersteinexperte sicher ebenso angebracht.

Schüßler, der sich seit 30 Jahren mit diesen farbenfrohen Steinen befasst, hat sich dabei auf „eines der letzten Abenteuer der Menschheit“, wie er es selbst nennt, eingelassen. Dafür genügen ihm sauber gespaltene Feuersteine von den Äckern um Reubach, Wallhausen oder seinerm Heimatdorf, strahlend helle Kaltlichtleuchten, ein Mikroskop und viel Geduld. „Wenn ich das Licht anmache und den stark vergrößerten Stein betrachte, bin ich der erste Mensch, der diese rund 220 Millionen Jahre alte Schöpfung sieht,“ klingt hier Ehrfurcht mit.

Farb- und Formenzauber

Ehrfurcht und Begeisterung: Blicke durch das Mikroskop „surfen“ über matt bläulich schimmernde Achatbänder, gleiten über kräftig gelbe „Wüsten“ oder erforschen satt rubinrot leuchtende „Korallenriffe und tiefe Höhlen“. Sie finden kristallgefüllte Trockenrisse, auch Steine können austrocknen, und bleiben unweigerlich an vollendet gerundeten roten Kugeln oder annähernd quadratischen scharfkantigen Würfeln hängen. Bis heute kann die Wissenschaft laut Schüßler nicht erklären, welche Ordnungsprinzipien hinter der Entstehung dieser geometrischen Figuren stecken.

Überhaupt die Farben: geschliffene und polierte Feuersteine in „Originalgröße“ sind mit ihren oftmals verschlungenen bunten Mustern und Achatbändern bereits eigenständige Schmuckstücke. So verwundert es nicht, dass im 17. und 18. Jahrhundert aus den Hohenloher Feuersteinen filigrane Kunstwerke geschaffen wurden. Danach über Jahrhunderte vergessen, ist er heute wieder ein gefragter Schmuckstein.

Doch zurück in die Mikrowelt. Selbst längst vergessene Naturkatastrophen haben sich in die Gesteinsstrukturen eingeprägt. „Chaos und Unordnung im Gestein“, so vermutet Schüßler, „ können auf Erdbeben oder Meteoriteneinschläge hinweisen, als der Stein noch nicht vollständig ausgehärtet war. Dies belegen beispielsweise Funde aus dem Nördlinger Ries, einem gigantischen Meteoritenkrater.

Leben im Feuerstein

Sogar eindeutige Holz- und Pflanzenreste im Feuerstein konnte Schüßler bereits durch das Mikroskop fotografieren. Ihr Alter: rund 200 Millionen Jahre. Andere Fotos dokumentieren tierische Fraßgänge im versteinerten Holz. Oder eine Druse: ein Hohlraum im Gestein, in den Kristalle wachsen. Auf einem Foto, das einen stark vergrößerten Ausschnitt dieser Druse unter dem Mikroskop festgehalten hat, sind hauchdünne fadenartige Kristalle zu sehen. „Die Natur hat schon vor mehr als 200 Milionen Jahren Dinge konstruiert, die in ähnlicher Form heute in der Mikroelektronik zum Einsatz kommen.“

Obwohl der Feuersteinexperte viele hundert Stunden hinter dem Mikroskop verbracht und dabei unzählige Filme verbraucht hat, ist ein Anblick bislang einmalig geblieben: Eine leuchtend rote Grundfläche, die von zahlreichen schwarzen Dreiecken übersät war. „Die Struktur erinnert stark an die Oberfläche eines Diamanten,“ forscht Schüßler weiter nach des Rätsels Lösung.

Dass aller Anfang schwer ist und Übung den Meister macht, erlebte Schüßler bei den ersten Versuchen, die nur rund 2 auf 4 Millimeter großen Ausschnitte der Steine unter dem Mikroskop zu fotografieren. Doch auch hier hat Ausdauer zum Ziel und teilweise atemberaubenden Bildern geführt.

Fotos: Die beiden Feuersteinfotos stammen ebenso wie die Zeichnung von Herbert Schüßler. Vielen Dank auch dafür.