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Zur Arche Noah der Hornträger


Im Oktober habe ich mir einen Kindheitstraum erfüllt. Zwei Wochen durch Südafrika. Wundervolle Landschaften, Erinnerungen an die Apartheid, immer wieder hohe Zäune, auf der einen Seite ganz selten einmal ein größeres Tier, auf der anderen Seite behütetes Safarigefühl und Tiere, die in zu großer Zahl ihren Lebensraum zerstören. Afrika erlebt habe ich in diesen 14 Tagen wenigstens zwei mal: Im Apartheidmuseum am Tag nach der Landung in Johannesburg und bei einer Fußwanderung durch den knochentrockenen Busch.

Eine Stunde vor Sonnenaufgang treffen wir uns am Truck und nach einer kurzen Einweisung geht es auf rotstaubigen Tierpfaden in den ausgedörrten Busch. Gut, dass Vuzi dabei ist. Unser vielleicht 35 Jahre alter Führer zeigt uns die Spuren einer Puffotter, die in der Nacht die Piste gequert hat, erläutert uns den Unterschied zu schwarzen und grünen Mambas, bei denen sich zusätzlich die Schwanzspitze in der Schlängelspur abzeichnet und bleibt vor einem der blattlosen dornenbewehrten Buschgerippe stehen, das am Ende der Trockenzeit scheintot Regen herbei sehnt. „Was sehr ihr?“ Seine ruhige Frage trifft bei uns sieben Safaritouristen aus drei Erdteilen zunächst auf Erstaunen. „Nichts“ oder „Einen dürren Busch“ und dann weiter nichts. Vuzi hilft uns auf die Sprünge: „Dort, dieser gerade Ast? Er passt nicht in diesen Busch“. Unsere Augen waren geöffnet für die reglos im Astwerk lauernde Twigsnake, die drei Arten zu beißen kennt. Die dritte führt beim Menschen nach wenigen Sekunden zum Tod. Die Frage nach Serum stellt sich hier nicht.

Nach zwei scheuen Zebras und einer Großfamilie kräftiger Paviane, die lautstark tönt, stoppt Vuzi an einem liegenden blank gescheuerten Stamm. Konzentriert sucht er die Oberfläche ab und lächelt, als er eine dicke Zecke findet und uns erläutert, dass sich hier gerne twigsnakeder örtliche Nashornbulle schubbert. Lindernde Parasitenbekämpfung auf dicker Haut. Nur wenige Meter weiter, die frühe Sonne testet unsere bleiche Haut bereits, deutet er auf einen beachtlichen Dunghaufen mit einem Durchmesser von nicht viel weniger als zwei Metern. Nashornbullen, so erfahren wir, markieren damit ihr Territorium und wehe dem Konkurrenten, der seine eigene Marke darauf gesetzt hat. Das bedeutet Krieg zwischen bis zu drei Tonnen schweren Bullen.

Dieses Verhalten zur Reviermarkierung kennen natürlich auch Wilderer. Leider. Sie warten solange im Umfeld des Kothügels, bis sich der Bulle nähert. Das ist sein Tod. Entweder landet er in einer gnadenlos gestellten Drahtschlinge oder eine hochmoderne Armbrust schleudert ihm lautlos den Pfeil durchs Herz. Jetzt geht es rasend schnell: Den in der Nähe abrufbereiten Kleinhubschrauber ordern, das Horn abhauen, beladen und ab. Kein Kunststück: Nashörner sind sich ihrer Kraft bewusst, riechen und hören ausgezeichnet, sehen allerdings nur äußerst mäßig, gerade einmal 20 Meter weit und haben besonders in Reservaten keine übermäßige Scheu vor Menschen.

Sollten sie aber: In ganz Afrika leben noch rund 20.000 Breit- und weniger als 5000 Spitzmaulnashörner. Die meisten davon bezeichnender Weise in Südafrika. Bis 2008 haben Wilderer jährlich zwischen 10 und 20 Exemplare getötet und enthornt. Das war einmal. 448 gewilderte Rhinozerosse im Jahr 2011, davon zwei Drittel im fast hessengroßen Krüger-Nationalpark, bedrohen diese urtümliche Art existenziell.

Zentimeterhohe schwarzgraue Asche wirbelt im Abendlicht unter den Körpern zweier nervös tänzelnder tonnenschwerer Riesen hoch und schenkt meiner ersten Begegnung mit den wildlebenden Hornträgern fast einen mystischen Anstrich. Hin und her federn Mutter und ihre dreijährige Tochter kraftstrotzend, 20 Meter hin und 20 Meter her, annähernd schwerelos in unschlüssigen Halbkreisen, kurzes Verharren und dann geht es im donnernden Galopp über die Piste ab in den Busch des Krüger Nationalpark. „The ice on the cake“, - das Sahnehäubchen des Tages- , ist selbst der jagderfahrene Sam aus Arizona sichtlich ergriffen.


Beide Tiere haben noch ihre Hörner und das ist nicht mehr selbstverständlich. In Ländern mit hohem Wirtschaftswachstum wie China und Vietnam steigen die Einkommen und die Nachfrage nach dem prestigeträchtigen Keratinpulver, dem allerlei sagenhafte Wirkungen wie sogar Heilkraft gegen Krebs zugesprochen werden.

Ein Durchschnittshorn von 7 Kilogramm bringt auf dem Schwarzmarkt 350.000 Dollar und mehr. Das führt zu seltsamen Blüten wie im vergangenen Jahr in Frankreich, England, Belgien, Schweden oder jüngst in Offenburg, wo Museumsräuber Mitte Februar das städtische Museum überfallen und Hörner mit einem Vorschlaghammer aus einem Präparat geschlagen haben.

Für Tourismusunternehmen und somit die Wirtschaft von Ländern wie Südafrika gelten die Nashörner gemeinsam mit anderen spektakulären Arten als Lebensversicherung. So lassen sie sich den Schutz der Zukunft etwas kosten. Eine 2010 aufgestellte südafrikanische Wildtierschutzeinheit hat inzwischen mehr als 130 Wilderer verhaftet und 20 erschossen.

Ergänzend patrouilliert an der etwa 300 km langen Grenze des Krüger zu Simbabwe und Mozambique Militär. Wie mag es in Ländern mit unsicherer Lage, Not und komplett korrupten Regierungen und Verwaltungen aussehen, wage ich gar nicht weiter zu denken.

Organisiertes Verbrecher handelt flexibel und sollte der Schutz im Krüger gelingen, werden die Hintermänner auf die zahlreichen privaten Parks ausweichen. Deren Betreiber vergiften inzwischen die Hörner der lebenden Tiere, implantieren Chips und GPS-Sender oder sägen in einem verzweifelten Wettlauf die Hörner der Rhinozerosse ab. Es mag ein wenig an Hase-und-Igel erinnern und es sind keine prophetischen Gaben erforderlich, um das Ende der Geschichte vorherzusagen.

Ende der 50ger Jahre stand das white rhinozeros, das Breitmaulnashorn, schon einmal vor dem Ende. Der Hluhluwe-kudu und springbockNationalpark, rund 300 km nördlich von Durban in einer sanftwelligen Landschaft gelegen, ist heute für seinen Reichtum an Nashörnern bekannt. Auf unserer Pirschfahrt höre ich nach 32 Exemplaren mit dem zählen auf. Wie selbstbewusst diese Dickhäuter sind, dokumentiert ein junger Bulle, der unserem alten zerfledderten Landrover fast noch den Rest gibt und sein in vollem Galopp gesenktes Horn nicht einmal einen Meter vor uns zum Stehen bringt. „Mocking charge“, meint Guide Edward bemüht locker lächelnd. „Die Wildtiere starten fast immer zunächst einen Scheinangriff, um potentiell gefährliche Auseinandersetzungen zu vermeiden.“ Naja, habe ich Vuzis Worte im Ohr: „Respektiert ale Tiere, geht nie zu nah an ein Tier ran, vermeidet hastige Bewegungen und rennt niemals weg.“ Unser Guide britischen Ursprungs wusste sehr viel über die einzelnen Tierarten. Auch über das Programm zur Rettung der Breitmaulnashörner. Ob er sein Wissen lebt? Immer wieder ist er auf wenige Meter an den Bullen herangefahren. Lange Minuten hat er ihm keine Ruhe gelassen und als der Bulle endlich sauer wurde, hat er auch noch den Wagen „zur Flucht“ gestartet.


Bekannt wurde das Hluhluwe-Umfolozi Game Reservat als Arche Noah der Breitmaul-Nashörner. Zu Beginn der 60er Jahre waren Breitmaulnashörner akut vom Aussterben bedroht. In Umfolozi existierten weltweit die letzten bekannten Vorkommen. Dann startete in buchstäblich letzter Sekunde die „Operation Nashorn“. Mittlerweile leben wieder 10.000 dieser Nashörner! Immer noch nicht viel, aber immerhin. Edward erläutert die Rettungsaktion: Der einzige Erfolg versprechende Ansatzpunkt lag darin, die geringe Reproduktionsrate der wehrhaften Tiere zu erhöhen: „Weibchen werden mit 7 Jahren geschlechtsreif und sind rund 16 Monate trächtig“. Zudem blieben die Jungtiere mehr als drei Jahr bei ihren Müttern. Das heißt alle fünf Jahre Nachwuchs, meist eins, seltener zwei Kälber. Im 960 km2 Hluhluwe – sprich „Schluschlui“- blieben die Kälber nur zwei bis wenige Wochen bei ihren Müttern, „bis sie die kritische Phase überstanden haben“ – dann wurden sie per Hand aufgezogen und letztlich ausgewildert. Die verwaisten Mütter konnten gleich wieder trächtig werden. Das heißt: Alle zwei Jahre Nachwuchs.

Es kann also gehen, manchmal wenigstens. Doch die Nashörner stehen für viele andere Arten wie Gorillas, Schlangen, Schildkröten, Tiger, Leoparden oder auch Elefanten, die in Kochtöpfen landen, deren Knochen zu Messergriffen werden oder welche einfach als lebloser Bionippes irgendwo staubfangend von der Überlegenheit des Menschen künden.

Vuzi fällt mir ein, der letzte Abend unter dem funkelnden Sternenhimmel, das Sternbild des „Scorpio“ und seine Antwort auf die Frage nach seinem Lieblingstier: „White people“. Es war dunkel und ich weiß nicht, ob sein leises Lächeln spielte.


veröffentlicht im Naturmagazin Berlin Brandenburg 2 / 2012

Copyright Roland Schulz