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Das Leben ist Tarnung

- EU-Life Projekt für Erhalt der Großen Rohrdommel -

Wer Moorochsen für Fabelwesen hält, der irrt. Die volkstümliche Bezeichnung Moorochse verdanken diese erstaunlichen Vögel ihren dumpfen Rufen, die Nachts aus dichten Schilfwäldern schallen. Bis heute ist die Lebensweise der bundesweit vom Aussterben bedrohten Moorochsen, ihr korrekter Name lautet Große Rohrdommel (Botaurus stellaris), in weiten Bereichen unerforscht. Um diese bemerkenswerten Wissenslücken zu schließen, effektive Strategien zum Schutz der Rohrdommel zu entwickeln und nahtlos umzusetzen, finanzieren die Europäische Union, das Land Brandenburg sowie der Naturschutzfonds Brandenburg seit 1999 mit 1,5 Millionen Euro ein "EU-LIFE-Projekt" im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin.

Noch vor 100 Jahren war die Große Rohrdommel in Deutschland ein weit verbreiteter Brutvogel. Heute ist der wegen seiner bis zu fünf Kilometer weit hallenden sonoren Rufe als "Moorochse" bekannte Reiher in weiten Teilen Mitteleuropas vom Aussterben bedroht. Da ihr Bestand im Nordosten Brandenburgs noch stabil ist, zählt die Rohrdommel laut Vogelschutzrichtlinie der EU neben so spektakulären Arten wie Großtrappe und Schreiadler zu den fünf schutzwürdigsten Vogelarten in ganz Brandenburg.

Seit drei Jahren untersucht der Biologe Jörg Rathgeber (32) im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin die Anforderungen der Rohrdommel an ihren Lebensraum. "In der Literatur ist so gut wie nichts darüberrohrdommel: ermitteln der rufenden Rohrdommeln bekannt", umreißt Rathgeber seine Pioniertätigkeit. Die Gründe für diese Wissenslücken über den mehr als 60 Zentimeter großen Verwandten des Graureihers liegen für ihn auf der Hand: die äußerst scheuen Rohrdommeln lassen sich kaum beobachten. Sie leben heimlich in dichten Schilfröhrichten und verfügen über frappierende Tarnstrategien. So erstarrt der Reiher bereits bei der geringsten Gefahr augenblicklich und scheint mit seinem gelbbraun marmoriertem Federkleid mit den umgebenden Schilfhalmen zu verschmelzen. Sogar die Bewegungen des im Wind schwankenden Schilfes imitiert er dabei laut Beobachtungen des Biologen.

Neue Erkenntnisse sichern Überleben

Anfang März hat für Rathgeber die neue Rohrdommelsaison begonnen. Mit der Unterstützung von Naturwächtern, den brandenburgischen "Rangern", ermittelt er die genaue Position der männlichen Reiher. In den frühen Abendstunden bis tief in die Nacht peilen zwei Mitarbeiter mit speziellen Kompassen rufende Männchen von verschiedenen Standorten an. "Die Standortermittlungen sind bis auf ein Grad genau", ist Rathgeber zufrieden. Nach drei Jahren im Gelände erkennt der Ornithologe viele Männchen bereits an ihren charakteristischen Rufreihen. Nicht identifizierbare Rufe werden auf Band aufgenommen und im Akustiklabor der Universität Potsdam ausgewertet. Die Sonogramme aus dem Labor verraten, welche Rohrdommeln ihre Reviere verteidigt haben, welche neue Reviere besetzt halten oder aus dem untersuchten Gebiet verschwunden sind.

Schon jetzt haben Rathgebers Forschungen zu viel beachteten neuen Erkenntnissen geführt. In gängiger Fachliteratur wird die Rohrdommel noch immer als Zugvogel beschrieben. Das stimmt so nicht: "Weibliche Rohrdommeln ziehen zunächst in westliche atlantiknahe Feuchtgebiete und später zum Teil bis nach Westafrika. Die Mehrzahl der polygamen Männchen überwintert aber hier in ihren Sommerrevieren." Der Versuch besonders kräftiger Männchen, optimale Schilfreviere ganzjährig zu besetzen und somit für die nächste Brutperiode zu sichern, scheint sich zu lohnen. So wurden in einem idealen Revier gleichzeitig sieben Schwimmnester weiblicher Rohrdommeln gezählt. Der Preis für diese gewagte Überwinterungsstrategie kann allerdings hoch sein. Nach strengen eisreichen Wintern, in denen zahlreiche Rohrdommeln verhungern, können die Populationen rufender Männchen auf unter 50 Prozent des Vorjahrs zusammenbrechen.

Der Winter ist auch die Zeit, in der Rathgeber die im Frühjahr kartierten Standorte der rufenden Männchen aufsucht. In brusthohen wasserdichten Gummihosen notiert er Wassertiefe, Dichte, Länge und Stärke des Schilfes, Gehölzaufwuchs und schilffreie Wasserflächen. "Meine Untersuchungen haben die bislang in Lehrbüchern beschriebenen Lebensräume der Rohrdommel nicht bestätigt. So habe ich Rohrdommeln selbst in verfilzten Schilfröhrichten oder Gebüschen beobachtet, die sie laut bisherigen Erkenntnissen meiden. Am wichtigsten für das Vorkommen der Reiherart sind im Wasser stehendes Schilf sowie Blänken, also offene Wasserflächen." Hier lauern die Tarnkünstler reglos auf bis zu 10 Zentimeter lange Fischchen, die ihre bevorzugte Beute bilden.

Großflächige Staumassnahmen

Sebastian Koerner (38) nutzt diese neuen wegweisenden Erkenntnisse, um konkrete Maßnahmen zur Entwicklung neuer Lebensräume für die Rohrdommel zu planen und umzusetzen. Für Koerner, Biologe und Manager des EU-LIFE-Projektes, liegt der Schlüssel zum Überleben der Rohrdommel in der Wiederbewässerung entwässerter Feuchtgebiete: "Nur so können wieder Wasserschilfgürtel um Seen und Kleingewässer entstehen." Für dazu notwendige Renovierungsarbeiten oder den Neubau kleiner Stauwehre benötigt Koerner die Genehmigungen der Wasserbehörden, die er bislang problemlos erhielt. Mittlerweile haben sich die ersten Erfolge eingestellt: "Durch ein einziges Stauwehr konnten wir auf der "Großen Wiese" bei Altkünkendorf einen um 1750 vollständig entwässerten See neu beleben. Wenn sich das Schilfröhricht weiter so gut entwickelt, wird hier in spätestens drei Jahren wieder der Moorochse rufen", ist Koerner voller Hoffnung.

Doch nicht nur die Rohrdommel profitiert von diesen Staumaßnahmen. Im Flachwasser stehende Schilfröhrichte sind die Kinderstube der Seen. Hier brüten Vögel, legen Insekten Eier in hohle Schilfhalme, laichen Frösche, Kröten, Molche und Fische. Zudem ist Wasserschilf ein unersetzlicher Lebensraum für zahlreiche bedrohte Tierarten wie Drosselrohrsänger, Wasserralle oder Laubfrosch.

Und der Mensch? "Gerade im Nordosten Brandenburgs mit geringen Jahresniederschlägen von etwa 600 Millimetern bewirken unsere Staumaßnahmen einen Anstieg des Grundwasserpegels. Dadurch verfügen die Menschen in der Region sowie im benachbarten Berlin langfristig über mehr kostbares Trinkwasser. Weiter wirkt Schilf als natürlicher Filter, der zu sauberem Wasser in Badeseen und Angelgewässern beiträgt ", nennt Koerner die positiven Auswirkungen.

Die größte der Staumaßnahmen wird gerade im rund 190 Hektar großen Totalreservat "Mellensee" -hier ist seit 1990 der Zutritt für Menschen verboten- vorbereitet. Diesem in den letzten 200 Jahren zunehmend entwässerten See soll wieder exakt 55 Zentimeter Wasserhöhe zugestanden werden. Dadurch würden verloren gegangene Brutreviere der Rohrdommel neu entstehen. Doch schon die Vorbereitungen sind kostspielig. Momentan läßt das EU-LIFE-Projekt für 100.000 " ein hydrologisches Gutachten anfertigen, das die Auswirkungen dieser Staumaßnahme auf benachbartes Grün- und Ackerland einschätzen wird. Sollten landwirtschaftliche Flächen davon betroffen sein, wird Koerner mit den Besitzern verhandeln. Einige der Flächen werden käuflich erworben, für andere fließen bis zu 300 " pro Jahr und Hektar aus Mitteln des Vertragsnaturschutzes.

Begleitend werben die Wissenschaftler mit Ausstellungen, Beobachtungstürmen an Riedgebieten sowie Exkursionen der Naturwacht bei Einheimischen und Touristen um Verständnis für ihre Aktivitäten. Koerner weiß um den hohen Stellenwert dieser Aufklärungskampagne in seinem Projekt: "Nur wenn die Bevölkerung, wenn Erholungssuchende, Angler und Landwirte unsere Schutzbestrebungen akzeptieren, hat die Rohrdommel in Brandenburg langfristig eine Chance."


veröffentlicht in Berliner Zeitung 18. Juni 2002

Copyright Roland Schulz