Natur

Umwelt

Menschen

Weltnaturerbe Grumsin

Reisen

Kontakt

nature-press




presse-dienst


Wir haben nur diese eine Chance

Projekt zur Rettung der heimischen Sumpfschildkröten in der Uckermark

Sommer, Sonne, Sand und einsame Seen. Was wie ein abgedroschener Werbespruch für Urlaubsreisen klingt, beschreibt treffend den Lebensraum der Europäischen Sumpfschildkröte. Doch der scheint selten geworden. Nur in einigen abgelegenen Gewässern der Uckermark konnten letzte Exemplare bis heute überleben. Ihre Zukunft ist ungewiß. Die Chancen sind allerdings gestiegen: Seit 1994 suchen brandenburgische Wissenschaftler fieberhaft nach Möglickeiten zur Rettung der in Deutschland akut vom Aussterben bedrohten Sumpfschildkröte.

Noch vor 150 Jahren wurden ganze Wagenladungen voller Sumpfschildkröten als billige Fastenspeise nach Böhmen und Schlesien gekarrt. Doch diese Zeiten sind längst Vergangenheit. Heute schätzen Experten den gesamten deutschen Restbestand auf bestenfalls noch 400 Tiere. Um das drohende Aussterben der Panzertiere abzuwenden, finanzieren das brandenburgische Umweltministerium und das Landesumweltamt seit 1994 ein Forschungsprojekt. Noch, so die Prognosen, scheint eine Rettung möglich. Doch die Zeit drängt.

"1994 wußten wir noch nicht einmal, ob es in Brandenburg überhaupt noch bodenständige Sumpfschildkröten gibt," umreißt Projektleiter Dr. Norbert Schneeweiß die ungewisse Ausgangssituation. Monatelang uckermark seen lebensraum der sumpfschildkroetenhaben seine Mitarbeiter über alten Karten und historischen Verbreitungsatlanten von Reptilien gebrütet, um frühere Lebensräume der Schildkröten zu lokalisieren. Die dabei gewonnenen Informationen befähigten die Artenschützer, Gebiete abstecken, in denen Schildkröten möglicherweise bis heute überlebt haben. Sämtliche Gebiete mit "Schildkrötenverdacht" weisen zahlreiche kleine Gewässer und eine geringe menschliche Besiedlungsdichte auf. Unzählige Male haben sich die Artenschützer an diesen kleinen Gewässern geduldig auf die Lauer gelegt. Wohl wissend, dass die heimlichen Tiere schon bei der kleinsten Störung lautlos abtauchen würden. "Nicht einmal verräterische Wasserringe verursachen sie dabei," berichtet ein sichtlich beeindruckter Mitarbeiter.

Überlebende in der Uckermark entdeckt

"Endlich hatten wir in der Uckermark Erfolg. Dort konnten wir sechs kleine Vorkommen mit bis zu 15 Tieren entdecken," klingt die Erleichterung bei Schneeweiß noch heute mit. Um postwendend einzuschränken: "Leider waren die Tiere sehr alt." Das Alter von "Emys orbicularis", so ihr wissenschaftlicher Name, schätzen die Experten anhand der Panzerstruktur. "Nur aufgrund ihres Alters von bis zu 120 Jahren konnten sie solange überleben", ist der Projektleiter überzeugt. Damit war das Problem definiert: der Nachwuchs fehlte. Doch welche Ursachen, welche "Schlüsselfaktoren" sind hierfür verantwortlich? Und, noch wichtiger: Würde die Zeit für konkrete Schutzmaßnahmen reichen?

Erste Antworten versprachen kleine Peilsender, die auf den bis zu 20 cm langen Hornschildern eingefangener Weibchen befestigt wurden. Ende Mai beginnen die Weibchen ihren beschwerlichen Weg zu den Eiablageplätzen. Dort angekommen, legen sie zwischen 12 und 20 Eier in eine rund 10 cm tiefe Sandgrube. Dieser exakte Nachweis der Gelege mittels dieser Peilsender sollte entscheidend für den Projekterfolg werden. Dabei hat sich gezeigt, dass geeignete Brutplätze rar geworden sind: zahlreiche sonnige Waldlichtungen wurden aufgeforstet, viele Böschungen in der Agrarlandschaft sind eingeebnet. "Und selbst wenn Jungtiere geschlüpft sind, erwarten sie zahlreiche Gefahren," warnt Schneeweiß. "Oft überwintern sie in ihrer Gelegehöhle. Wenn in kalten Wintern eine schützende Schneedecke fehlt, erfrieren sie." Haben sie den Winter überlebt, treibt Ende März der Hunger die zweieurogroßen Jungtiere aus ihrem Versteck. Die Nächte sind noch kalt. So müssen sie tagsüber ihren Weg zum nächsten Gewässer beginnen. Oft werden sie dabei zur leichten Beute für Füchse, Wildschweine oder Krähen. Erst im Alter von 2-3 Jahren ist der anfangs noch weiche Panzer ausgehärtet und kann wirksamen Schutz bieten.

Gefahr durch lebende Souvenire

Neben all diesen natürlichen Widrigkeiten gefährden lebende Urlaubsandenken aus den Mittelmeerländern die einheimischen Panzertiere. Jedes Jahr werden in den Gewässern um Berlin und in Brandenburg Sumpfschildkröten ausgesetzt, die aus Ungarn, Griechenland oder Bulgarien illegal eingeführt wurden. Schneeweiß befürchtet, dass durch Kreuzungen mit diesen importierten Tieren überlebenswichtige Anpassungen der heimischen Unterart verloren gehen könnten. Vorerst gibt er allerdings Entwarnung: "DNA-Analysen haben erwiesen, dass es sich bei den Schildkröten in der Uckermark um einheimische Tiere handelt." Mit anderen Worten: Ein Schutz der nordostdeutschen Population mit ihren charakteristischen Merkmalen und Anpassungendieser Art ist noch möglich. Dazu mussten die Untersuchungsergebnisse schnellstmöglich in Maßnahmen umgesetzt werden. Zunächst wurden die entdeckten Eiablageplätze zum Schutz vor Nesträubern wie Fuchs und Dachs eingezäunt. Andere Gelege wurden mit Parfüm besprüht. "Kölnisch Wasser verwirrt selbst den feinsten Geruchssinn möglicher Räuber," weiß ein Mitarbeiter verschmitzt lächelnd. In einem der Gebiete haben alle Weibchen ihre Eier in ein- und derselben sandigen Böschung vergraben. "Diese Böschung konnten wir durch Vertragsnaturschutz sichern," benennt Schneeweiß einen weiteren schnellen Erfolg.

Doch allein der Schutz sumpfschildkroeten sonnenbadder Gelege im Freiland schien dem Projektleiter zu unsicher. So wurden auf Waldwegen oder Äckern abgelegte Schildkröteneier ausgegraben und in Brutapparate gelegt. Die ersten beiden Lebensjahre verbringen die geschlüpften Jungtiere im Freigehege der Naturschutzstation Rhinluch. Danach werden sie wieder in ihre ursprünglichen Lebensräume entlassen, "ausgewildert".

Die bisherigen Resultate machen Mut. So konnten die Artenschützer bereits 137 Jungtiere auswildern. Doch erst nach einem Fototermin. Am Kopf jeder Schildkröte befinden sich individuelle Farbmuster. Die Fotos gewährleisten, dass sich bei Wiederfunden genau feststellen läßt, um welches Tier es sich handelt. Neun Jahre nach Projektbeginn tragen die Rettungsmaßnahmen auch im Freiland Früchte: Artenschützer haben einige vor vier Jahren ausgesetzte Jungtiere wiedergefunden. Bei bester Gesundheit. Ihre nun festen schützenden Panzer waren beachtliche 9-12 cm lang. In 3-4 Jahren werden diese Schildkröten ihre ersten Eier legen.



Copyright Roland Schulz