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Tausend Jahre in der Unterwelt

- Zu den verborgenen Schätzen im Freiburger Silberberg -



Vor zwei Stunden konnten wir noch unbeschwert vom sacht im Wind schwankenden Schauinslandturm grandiose Aussichten genießen: Die vielleicht fünf Kilometer entfernte Breisgaumetropole Freiburg schmiegt sich an den Schwarzwaldrand. Ein maisgrün und weizengelb marmoriertes Rheintal räkelt sich selbstvergessen unter einem endlos fahlblauen Sommerhimmel. Und auf den kantig terrassierten Hängen des längst erloschenen Kaiserstuhlvulkans reift ein neuer viel versprechender Weinjahrgang.

Hier unten dagegen ist es finster, kühl und feucht. Immer wieder knallt unvermittelt ein Schutzhelm gegen die niedrige Felsendecke der mittelalterlichen Engpässe. Die Botschaft klingt klar: Kopf einziehen! Plötzlich öffnet sich über uns im schwarzen HöhlendunkeDie Abgruende des Erzkastenl ein unermesslicher Hohlraum. Die suchenden Lichtkegel der Stirnlampen finden keine Konturen, verschwinden im schwarzen Nichts. "Hier befinden wir uns direkt unter dem 1982 erbauten Schauinslandturm," beginnt Manuela Preus. 21 Besucher führt sie heute auf der "Großen Runde" zu den Schätzen im Silberberg. "Wer weiß schon an der Oberwelt, dass die Fundamente des Turms auf nur wenigen Metern festen Gesteins ruhen? Selbst die Planer hatten beim Bau des Turmes keinen blassen Schimmer von dieser gähnenden Leere unter ihren Füßen."

Vergessenes Labyrinth

Nach der endgültigen Schließung des Bergwerkes 1954 geriet das geheimnisvolle Stollenlabyrinth in der Region rasch in Vergessenheit. Dabei verdankt Freiburg dem Silberbergwerk im "Erzkasten", dem Schweiß der Kumpel, seinen frühen Reichtum, sein Münster, die in samtenem Purpurrot, im tiefsten Blau schimmernden bleigefassten Fenster der Zünfte und Silberhändler. Das filigrane Tulenhauptfenster etwa, das dreiteilige Schauinslandfenster. Und vor allem den schwerelos gen Himmel strebenden, den luftig durchbrochenen "schönsten Turm der Christenheit".

Bei allem Vergessen: 800 Jahre Bergbau hinterlassen Spuren. Mit rund 100 Kilometern Stollen haben sich Generationen von Kumpeln im Berg verewigt. "Zwei bis drei Zentimeter weit konnte ein Mann den schmalen Suchschacht, 50 Zentimeter hoch, 50 Zentimeter breit, am Tag in den Gneis treiben," weiß unsere Expertin aus erster Hand. Gemeinsam mit einem Dutzend Frauen und Männern lüftet sie die verschütteten Geheimnissen des vergessenen Labyrinths ein zweites Mal. In rund ein Drittel der vergessenen Stollen konnten die Erben der Bergleute bereits neues Licht tragen.

Begonnen hat alles vor 30 Jahren mit einer Erkundungstour des 22-jährigen FreiburHohe Stollen im modernen Bergwerkger Juweliers Julius Steiber. Beim Durchforschen der tausendfach verwinkelten Gänge müssen ihn die Reize der Unterwelt gepackt haben. Damit begann seine herkulische Lebensaufgabe. 23 arbeitsreiche Jahre später, 1999, konnte die ehrenamtlich tätige "Forschergruppe Steiber" Süddeutschlands größtes Silberbergwerk für "ganz normale Menschen" öffnen.

Ohne lange Umschweife führen sechs Leitern im engen Schacht abwärts: Kein Raum für Platzangst. Fest die roheisernen Sprossen, vielleicht 20 Zentimeter breit, gegriffen. Ein kurzer Blick nach oben registriert schwankende Lichtkegel, schemenhafte Bewegungen. Gelegentlich treiben dumpfe Gesprächsfetzen vorbei. Ungezählte Sprossen später, erwarten uns warmer Lichtschein und fester Boden zum hautengen Stehempfang.

Zentraler Bergungsort für Kulturgut

"Glückauf", hat uns Manuela Preus mit dem Bergmannsgruß empfangen. Hier stimmt sie uns auf die Geheimnisse im Silberberg ein. Geheimnisse, die wir heute lüften werden und verweist auf Schätze, die gewöhnlich Sterblichen verborgen bleiben. Wie den 680 Meter langen "Barbarastollen." Seit 1974 lagern hier tief im Fels, geschützt von einer mehr als 200 Meter mächtigen Granitauflage, Schwarz-Weiß-Mikrofilme mit einer Gesamtlänge von mehr als 25.000 Kilometern. "Der Schauinsland ist der "Zentrale Bergungsort für Kulturgut" in der Bundesrepublik Deutschland," erfahren wir staunend. Zylindrische Spezialbehälter aus rostfreiem Edelstahl hüten die kostbarsten Kulturgüter des Landes. Zumindest dessen "Blaupausen". Unter den verfilmten Archivalien finden sich die "Goldene Bulle" von 1356, die Bannandrohungsbulle von Papst Leo X gegen Martin Luther vom 15. Juni 1520, die Baupläne des Kölner Doms oder der Vertragstext des Westfälischen Friedens vom 24. Oktober 1648.

Hautnah führt unsere Reise in den Berg. Immer wieder verschwinden hastige Blicke im unergründlichen und dabei verführerisch lockenden Dunkel der Seitenstollen. Die von tiefen Meißelspuren zernarbten Stollenwände zeugen von harter Arbeit. Dabei waren die Kumpel wenigstens vor den häufigen Erschütterungen im Rheingraben geschützt. "Aufgrund der harten Gesteine ist der 1283 Meter hohe Berg absolut erdbebensicher." Ein rascher Gedanke führt an die ferne Oberwelt, zu den meist ahnungslosen Besteigern des Schauinslandturmes. Erdbebensicher auch ihr dünner Granitsockel?

Die düstere Enge in der Tiefe beginnt zu wirken. Das gebückte Gehen, das sich seitlich mühsam durch schmale Gänge winden. Längst sind die schützenden Lederhandschuhe durchnässt. Längst ist das unaufhörliche Platschen der Stiefel durch glasklare Pfützen vertrauter Begleiter.

Geschichten aus der Unterwelt

Alles nichts gegen die Höllenfron der Bergleute. Die gute alte Zeit? Hier jedenfalls hat sie nicht stattgefunden: Acht-Stunden-Schichten. Anfangs im rußig flackernden Dämmerlicht der Kienspäne, später von Ölfunzeln und fauchenden Karbitlampen erhellt. Täglich acht dunkle Stunden feinen Quarzstaub geatmet, mit 30, 35 Jahren Blut gespuckt. Staublungenblut. Viel zu viel junge Witwen, viel zu viel Waisen.

Und doch: Auch schöne Geschichten schreibt die Unterwelt. "Der 230 Meter unterhalb unseres Einstiegs liegende Kappeler Stollen durchquert den gesamten Schauinsland. Für die BergmaIm engen mittelalterlichen Stollennnsfamilien war die 1700 Meter lange Unterführung von Hofsgrund nach Kappel nur der Hebammenstollen. Die Hebamme nutzte diese Abkürzung , wenn sie zur Arbeit gerufen wurde ebenso wie Schulkinder, die winters im Fackelschein den Berg durchquerten." Ein Segen für die Menschen. Ein Segen auch für Pferde, die früher im Dunkel der Unterwelt eiserne Loren, die "Grubenhunte", zogen. "Abends wurden die Tiere über diesen Stollen auf die Weide geführt." Ein seltenes Privileg für Grubenpferde.

Erstaunlich frisch gibt sich die Luft unter Tage. Preus weiß, warum: "Ein schräg in den Fels getriebener "Bewetterungsstollen" führt Frischluft in die Tiefe. Das ganze Jahr herrschen hier im Berg Temperaturen um 9 Grad. Im Winter erwärmt sich die von oben einfallende Kaltluft. Sommers steigt warme Luft vom Tal ins akribisch geplante Ganggewirr und kühlt ab."

Es bleibt keine Zeit, diese ausgeklügelte Klimaanlage gebührend zu würdigen. Vielmehr schluckt uns unvermittelt ein enger schräg stehender Gang. Hier erfahren wir, dass der Berg als Trinkwasserreservoir für Freiburg dient. Das wundert nun keinen mehr: Jeder auch noch so kurze Blick nach unten endet abrupt, sobald das kalte Deckennass auf den Nacken tropft.

In Tolkiens Zwergenreich

Gänzlich unerwartet öffnet sich unser Tor in die Neuzeit. Vier Meter hohe ausladende Gänge, bis 1954 mit Dynamit in den Berg gesprengt, nehmen uns auf. Jetzt sind wir entspannt, müde, überwältigt, jetzt haben wir alles erlebt. Doch vor der Zeit will uns der Erzkasten nicht entlassen. Sieben weitere Leitern führen hinab auf die vierte Feldstrecke. Noch ahnt keiner, dass sich wenige Wegminuten später Tolkiens düsteres Zwergenreich, die Hallen Morias vor uns öffnen werden. "48 Meter unter dem Eingang, 108 Meter Gebirgsüberdeckung, 1142,83 Meter über Normal Null", verkündet ein unscheinbares Schild an der Stollenwand. Nackte Zahlen. Wir wandern vorbei an Motorsägen, Bretterstapeln, Leitplanken und Balken. Unverkennbar das gut ausgestattete Basislager der Höhlenforscher für neue Vorstöße in die Tiefe.

Rechts öffnen sich unvermittelt Abgründe: "120 Meter tief und mehr als 50 Meter breit", erfahren wir. Der Erzkastenstollen. Eine Schuhspitze trifft einen Stein, der seinen freien Fall beginnt: Eins, zwei, drei... bis 11, dann signalisiert ein helles Klingen Bodenkontakt. Die letzte Leiter für heute, die abwärts führt. Zur Aussichtsplattform ins Nichts. Nie zuvor erlebte Ausblicke, nach oben, nach vorn, nach unten, in tiefstes Schwarz.

Ein Blick in die Gesichter der Begleiter findet wortlose Übereinstimmung: Jetzt sind wir angekommen. Mitten im Berg.

Wenige Meter weiter führt uns ein glitschiger Schienenstrang direkt in die Schatzkammer. Über die Wände huschende Lichtkegel finden rot, gelb, schwarzblau und weiß schimmernde Adern von Zinkblende, Bleiglanz oder Calcit. Bewacht wird dieser bunte Mineraliengang vom "fauchenden Grubendrachen". Der Wächter entpuppt sich als gelber Überkopfwurfschaufellader, der seine Mineralienbeute mit ohrenbetäubender Gewalt in eine angehängte Eisenlore schmettert. Nichts für schwache Nerven. Ein letztes Mal 13 Leitern, Sprosse für Sprosse. Diesmal nach oben, himmelwärts. Erleichterung, nach all den Erlebnissen im Zwergenreich? Oder doch eher Wehmut, nicht noch tiefer in den Zauber dieser verwinkelten Labyrinthe eingetaucht zu sein?

Informationen:

www.schauinsland.de, Tel. 0761 / 26468. Große und Kleine Führungen 1. Mai - 1. Nov.: Mittwoch, Sams-, Sonn- und Feitag je 11.00 und 14.00 Uhr. Familienführungen ab 11.30 – 15.30 Uhr stündlich. Preise: Große Führung (2,5 Std.) 17.- Euro, Kleine Führung (1,5 Std.) 11.- Euro, Familienführung Erw. 4.- Euro, Kinder 4-12 J. 3.- Euro, Familienkarte 14.- Euro

Nur an der Talstation der Schauinslandbahn gibt es günstige Kombitickets: Seilbahn und Kleine Führung 18,70 Euro, Seilbahn und Große Führung 24.- Euro.

Anfahrt:

Das Besucherbergwerk ist von Freiburg aus bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Vom Hauptbahnhof mit der Straßenbahnlinie 5 zur Johanniskirche. Dort in die Linie 2 umsteigen und bis zur Endstation in Freiburg-Günterstal fahren. Hier in den VAG-Bus Nr. 21 einsteigen, der direkt zur Talstation der Schauinslandbahn fährt. Dauer: rund 30 Minuten bis zur Talstation, anschließend etwa 20 Minuten Gondelfahrt.

Zum Bergwerk:

Der Zugang zum Museums-Bergwerk ist von der Bergstation der Schauinslandbahn oder dem großen Gipfelparkplatz (an der L124) über einen neu angelegten Waldweg ausgeschildert. Gehzeit ca. 5 Minuten.



veröffentlicht in DIE ZEIT 3. August 2006 (kürzere Version)

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