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Die Stimme für das Erbe der Menschheit

Ranger bauen an vorderster Front fragile Brücken zwischen Vergangenheit und Zukunft

Eine Rangerfamilie - weltweit


Ranger hüten auf sieben Kontinenten das Weltnaturerbe der Menschheit. Dabei bauen sie fragile Brücken, auf denen sie Touristen zu Berggorillas in Ruanda oder Ziegenmelkern in Brandenburg führen. Sie verteidigen immer an vorderster Front, oftmals schlecht ausgerüstet, begehrte Arten wie Nashörner vor der prosperierenden Wildererindustrie. Sie kämpfen dafür, Einheimische als Verbündete zu gewinnen. Ihren Einsatz für das Naturerbe bezahlen Ranger häufig mit dem Leben. Rund 1000 mal im vergangenen Jahrzehnt, so die offizielle Statistik. Oder 3000 mal, wie der neue Vorsitzende der International Ranger Federation (IRF), Sean Willmore, vermeldet.

Im drei- bis vierjährigen Turnus versammeln sich die grünen Brückenbauer zu ihrem World Ranger Congress. Zum siebten Mal im November 2012 am Fuße des Kilimandscharos nahe der Safarihochburg Arusha. Der Tagungstitel "Working towards Healthy Parks, dealing with Hungry People" passt zu Tansania, er passt zu Afrika und ist, streicht man das "Hungry", weltweit Programm.

Der vielleicht 40-jährige Amoz ist Ranger im kleinen Arusha National Park. Die ersten beiden Tage darf er an diesem großen Kongress teiLeoparden versus Vieh - Platz für beidelnehmen. Halb scheuer Gast, halb stolzer Gastgeber. Seine früheren Einsatzorte vor dem Arushapark heißen Kilimandscharo und Serengeti. Begehrte Reiseziele für Naturfreunde und Erlebnissüchtige aus aller Welt. Amoz ist glücklich in seinem wenig spektakulären Arusha Park - keine Wehmut. Obwohl er wochenlang von seiner Familie getrennt lebt. Obwohl Antiwildererpatrouillen zum wöchentlichen Dienstplan gehören. Als ständiger Wegbegleiter die Angst vor einem Hinterhalt. Seine Augen lächeln: "Hier im Arusha-Park dürfen wir anders als etwa in der Serengeti Touristen führen." Touristen, die gutes Trinkgeld garantieren. Geld, das bei rund 200.- US-Dollar Monatsverdienst den Unterschied macht, Türen in die Zukunft öffnet: "Damit kann ich meine Kinder in die Schule schicken."

Tourismusindustrie profitiert von Rangern

In den herausragenden afrikanischen UNESCO-Welterbestätten, der Serengeti, dem Ngorongorokrater und anderswo hat die Tourismusindustrie längst ihre Claims hermetisch abgesteckt. So soll allein der Jeeppark der Leopard-Tours in Arusha mehr als 200 Fahrzeuge umfassen. Die wollen gefüllt sein. 12 Monate im Jahr. Kein Platz für Rangerführungen. Kein Geld für Schulbildung, keine Chance auf Zukunft.

Jede Menge Platz bleibt in den begehrten Parks für Ranger, die Besucher vor bewaffneten Banden sichern. Zum Wohle der Tourismusindustrie. Die Preise für eine viertägige Zelttour ab Arusha beginnen pro Person ab etwa 1000.- US $. Der Eintritt in Parks wie den Ngorongoro ist beachtlich: Die Verwaltung kassiert pro Jeep Rangergeleit für Touristin200.- $, pro Besucher 50.- US $ und für eine Nacht auf dem Campingplatz noch einmal 30.- US $. Das macht bei zwei Besuchern im Jeep 360.- US $, jeden Tag. Wer einmal hier gewesen ist, weiß: Angemessen. Und doch: Was bleibt übrig für die Menschen, die an den Parkgrenzen leben? Die aus den Parks ausgeschlossen sind, die dort kein Vieh weiden, kein Tier jagen dürfen?

Gebrochene Versprechen

Ein Teil dieser Einnahmen fließt laut der übergeordneten staatlichen Parkverwaltung "Tanzania National Parks" an parknahe Gemeinden. Als Entschädigung für beschnittene Nutzungsrechte. So ist die Serengeti, eine Fläche wie Schleswig-Holstein, für Viehherden tabu. "Entschädigungen bleiben meist leere Versprechungen", zuckt ein tansanischer Ranger im Gespräch mit den Schultern. "Das Geld versickert. In der Regierung, in unserer Parkverwaltung". Das versprochene Geld, von dem bestenfalls ein Rinnsal die Menschen an den Parkgrenzen erreicht, hat Folgen. Diese Konsequenzen gebrochener Versprechungen treffen an vorderster Stelle immer zuerst die Ranger.

"Dealing with Hungry People"? Ein mühseliges Unterfangen und doch kann es gut gehen. Wenn hungrige Massai in ihren leuchtend roten oder lichtschluckenden blauen Gewändern weithin sichtbar ihre oftmals klapperdürren Rinder stoisch über Nationalparkgrenzen treiben. Um von Rangern wieder hinausgeleitet zu werden. Tag für Tag, Sysiphus. Oftmals finden die Deals with Hungry People auf des Messers Schneide statt. Wenn Wildererbanden, die Tiere, Elfenbein, Edelholz oder Metalle "ernten" und meist für einen Hungerlohn an Zwischenhändler verschachern, entdeckt werden und sofort töten.

Mit den auf Rosen gebetteten Hehlern, die Bionippes und Wundermittel für horrende Beträge in alle Welt schmuggeln, haben Paradiesischer Artenreichtumdie Ranger nichts zu schaffen. Die Hehlergelder schmieren andere Kreise, Regierungsmitarbeiter, Hafenmeister, Zollbeamte... Ein Kilogramm Nashornkeratin bringt in China, Thailand, Vietnam bis zu 25.000 US-Dollar. Eine andere Liga.

Jagd für Eingeborene verboten

"Dealing with Hungry People" im Wortsinn sind Begegnungen mit "Bushmeatjägern", die gemäß ihrer althergebrachten Jagdkultur Wildfleisch erbeuten. Längst illegal. Da ziehen schon einmal 100 kg frisch getötetes Giraffenfleisch auf einem gebeugten Rücken kilometerweite blutige Spuren in die nächste Siedlung. Unverwischbar, leicht zu verfolgen. Und: Viele Frauen fordern Jagd von ihren Männern. Das unterstreicht die soziale Stellung der Jäger, das verschafft ihrer Familie Ansehen. "Frauen lieben reiche Jäger", wie eine Rangerin lächelnd und doch ohne Augenzwinkern einwirft. Bushmeat von Giraffen, Zebras oder Gnus wird in der Gemeinschaft verteilt. Unvermeidlich, dass diese Jagd immer wieder gewaltsam Dörfer spaltet. Dazu gleich.

Ranger versus Wildererindustrie: Ein ungleicher Kampf. Hier alte Karabiner, da moderne Schnellfeuergewehre, AK 47 meist. Hier bestenfalls rumpelige Jeeps, da Kleinflugzeuge und Helikopter. Ein unmöglicher Kampf: "Wenn wir einen Wilderer fangen, sitzt er drei Tage im Gefängnis und dann treffen wir ihn auf der Straße als freien Mann." 10.000 Schilling, etwa 6.- ", öffnen Gefängnistüren. "Erschieße ich einen Wilderer, verliere ich meine Arbeit und werde eingesperrt," umreißt ein Ranger sein Dilemma. Dafür Leben riskieren? Ein Ranger aus Uganda berichtet, dass sie mit ihrer Patrouille Hals über Kopf geflohen seien, als sie unvermittelt einer Wildererbande begegnet seien. Bei den Wilderer will er wenigstens eine AK 47 gesehen haben. Gehört Mut dazu, kollektive Flucht zu thematisieren?


Der Weg aus der Krise

Dann das Gespräch mit dem in Arusha tätigen freien Safariberater Ernest Chiwanga, das er unter den Titel "Living with your enemy" stellt. Er muss nicht um seinen Job fürchten, wenn er heikle Themen anspricht. Eher um seine Unversehrtheit, berührt er doch Tabus wie Korruption in Behörden und Kooperation mit Wilderern. Oder gar die Privilegien der mächtigen Tourismusindustrie. Chiwanga skizziert die Armut vieler Tansanier und deren Unverständnis über "reiche Städter", die gegen Gebühr, ein "normaler" Elefant ohne Extras kostet im Rahmen einer dreiwöchigen Safari ab 30.000 US $, jagen dürfen. Er listet Viehverluste durch "große Katzen" auf und zeigt Bilder von durch Elefanten verwüstete Felder. Ohne, dass je Entschädigungen flössen.

Mit Folgen: "Ich kannte Ranger, die von Dorfbewohnern vergiftet wurden und ich habe brennende Rangerhäuser gesehen." Der Berater ist von seiner Lösung überzeugt: "Viel mehr heimische Führer zulassen". Die Menschen müssen direkt von "unseren Wildtieren" profitieren. Nicht in erster Linie die Tourismusindustrie. So einfach könnte das sein. Wenn es denn erwünscht wäre.

Eine Stimme für das Erbe der Menschheit

Gordon Miller, pensionierter Gründungsvater der 1992 ins Leben gerufenen IRF hat bei keinem der bislang sieben Weltkongresse seiner "Rangerfamilie" gefehlt, fordert Solidarität und Organisation: "Wir können die großartige afrikanische Tierwelt zum Wohle aller Menschen nur retten, wenn alle Ranger mit einer Stimme sprechen." Damit spricht er im Namen des Arusha Manifestes, das Mwalimu Julius K. Nyerere, der damalige Präsident Tansanias bereits 1961, vor mehr als einem halben Jahrhundert, verkündete:

"Das Überleben unserer Wildtiere ist ein sehr wichtiges Anliegen von uns allen in Afrika. ... und wir suchen die Zusammenarbeit mit anderen Nationen bei dieser wichtigen Aufgabe, einer Aufgabe, deren Erfolg oder Misserfolg nicht nur den afrikanischen Kontinent, sondern die ganze Welt betrifft."

"Die ganze Welt!"Afrika steht im Fokus und doch, es ist ein Treffen der Ranger aus der ganzen Welt. Die im Alltag überall an vorderster Front stehen, wenn es um den Erhalt der Natur geht. Sie informieren Besucher über große und kleine Naturwunder, realisieren neue Zugänge in die Natur und werben für Verbündete. Im Grand Canyon, am Great Barrier Riff oder in Deutschlands UNESCO-Weltnaturerbe, dem Wattenmeer und fünf "Alten Buchenwäldern".

Eine rasante Reise durch die Rangerwelt dokumentiert, wie sich Menschen für die Natur begeistern lassen und alte Wurzeln neu entdecken. In jedem Land anders. So im tasmanischen Wellington Nationalpark, den Ranger Ben Masterman auf einem unter seiner Mithilfe gebauten atemberaubend schönen Mountainbiketrail präsentiert. Auf dem Hobart Track werden Baumstämme unter Mountainbikestollen schon einmal zu Adrenalinbrücken über tosenden Bächen. Da dringt die urwüchsige Energie dieser einzigartigen Farnwälder auf der stundenlangen Fahrt bis ins Innerste der Radfahrer: Einswerden mit der heimischen Natur, verwurzeln.

Drei Busse und die Zukunft dieser Welt

Rasch ein Sprung zurück nach Tansania, zur Zukunft dieser Welt: Am Ende unseres Ausflugs in den Arusha Nationalpark, kriechen drei klapprige Busse mühsam wie unerschrocken zielstrebig über Schotterpisten. Hardcoretouristen mit schmalem Budget? Die staubigen Bustüren öffnen sich und mehr als 70 Kinder Tansanias, sieben bis neun Jahre alt, quellen hervor und fiebern in dunkelblauen Schuluniformen erwartungsfroh ihren wohl ersten Begegnungen mit Büffeln und Giraffen entgegen. Dem Wildreichtum ihrer Heimat. Wohlbehütet und informiert von Rangern, lässig Karabiner über den Schultern. Zum Schutz vor wilden Tieren und vielleicht auch zum Schutz vor Wilderern?

Junior Ranger-Programme wie in Kanada, in England, den USA und gerade in Deutschland gibt es hier noch nicht. Das ist nicht einmal noch so ferne Zukunftsmusik. Aber fast hautnahe Begegnungen mit dem heimischen Naturerbe stehen an, unvergessliche Erlebnisse und die Begegnung mit den Schönheiten der Natur, der faszinierenden Fülle des Lebens, dem fantastischen Reichtums wilder Tiere. Vielleicht verlieben sie sich, spontan, lebenslang und werden selbst einmal zu Anwälten, zu Brückanbauern?

Von wegen sanfte graue Riesen

Der Druck auf die letzten mühsam erhaltenen Rückzugsräume der Artenfülle wächst. Die Serengeti ist noch nicht gestorben, doch der Wettlauf um das Leben ist längst im Gange. Stellvertretend für den Artenreichtum Afrikas. Es gibt Ansätze für ein Gelingen. Um dringend benötigte Verbündete zu gewinnen, errichten Ranger Brücken zwischen Kulturen. Krissie Clark, Mitarbeiterin im großen Ruvuma-Elefantenprojekt, beschreibt das Anwerben von "Village Game Scouts". Das englische "Game" steht hier nicht für ein Spiel, es bedeutet Wildtiere. Für bis zu 15 US $ monatlich begleiten diese Scouts Ranger auf Patrouillen und werben in ihren Dörfern für die grauen Riesen. Rund 200 sind es heute, nachdem der erste Game Scout 2009 seine Arbeit aufgenommen hat. Ihr muss nicht einfach sein, stehen sie doch häufig zwischen allen Stühlen, Wenn nachts Elefanten Felder verwüsten und die Menschen verzweifelt mit Speeren und Giftpfeilen ihr Morgen verteidigen, greifen Game Scouts zum Telefon und informieren die Elefantenschützer. Kein Job, um allseits auf der dörflichen Beliebtheitsskala nach oben zu rutschen. In Kenia gehen 40 % der durch Wildtiere getöteten Menschen auf das Konto der rabiaten Rüsselträger, die Europäern in vielen Medien als sanfte Riesen verkauft werden. Doch diese Konflikte sollen nach Aussagen von Krissie Clark mit aller Schärfe gelöst werden: "Wir haben Zäune um Felder mit einer Mischung aus Öl und Chillischoten beschmiert, um Elefanten abzuschrecken." Bislang mit 100 Prozent Erfolg, der beißende Duft ist nichts für feine Elefantennasen. "Dieses Wissen geben wir weiter an unsere Rangerkollegen in Afrika," ein Puzzlestück im mühsamen Kampf um den Erhalt dieser imposanten und manchmal vielleicht sogar sanften Dickhäuter.

Begegnungen mit sich selbst

In Australien und Neuseeland bilden Ranger Menschen indigener Völker zu Rangern aus. Diese führen Touristen in die Natur und erläutern ihre traditionelle Kultur. Mit ambitionierten Zielen: Die Maori sollen wieder zu ihren eigenen kulturellen Wurzeln zurück geführt werden. Wurzeln, die weiße Neuankömmlinge oftmals gnadenlos und mit großer Anstrengung vor beinahe zwei Jahrhunderten ausgemerzt hatten. Zudem sollen es diese Begegnungen mit der Kultur der Maoris "modernen" Neuseeländern erleichtern, häufig tief verwurzelte Vorurteile gegen die Ureinwohner Neuseelands abzubauen.

Über dem Ngorongorokrater
Ein Blick nach Amazonien soll den weltweiten Aufgabenreigen der Rangerfamilie beschließen: Hier wurden annähernd 200 Mitglieder indigener Stämme zu Rangern fortgebildet. Koordinator Osvaldo Gajardo betont den Stolz der Ureinwohner, die mit diesem Projekt das erste Mal auf Augenhöhe wahrgenommen würden. "Dorfführungen sollen den Stämmen mittelfristig Einnahmen bringen." Und: "Über Funk werden wir sofort informiert, wenn größere illegale Holzeinschläge erfolgen." Die Haken: Indigene Ranger erhalten kein Geld, ihre Ausrüstung ist miserabel. Gajardo verhandelt gerade mit der brasilianischen Regierung über einen wenigstens symbolischen Lohn und Gummistiefel für Patrouillen. Soviel zur Anerkennung von Brückenbauern an der grünen Front.

The Thin green line

In Situationen wie dieser wurzelt der große Wunsch Gordon Millers, endlich Gehör zu finden: "Wir müssen weltweit mit einer Stimme sprechen und stärker wahr genommen werden. Von Regierungen, von internationalen Organisationen wie den United Nations. Dafür arbeiten wr. Dafür benötigen wir Verbündete, dafür müssen wir uns noch stärker vernetzen, Lobbyarbeit betreiben und als Einheit auftreten."

Und es ist kein Zufall, dass der 7. World Ranger Kongress auf afrikanischem Boden, in Tansania, stattfand: "Wir müssen auf die extreme Bedrohung dieser Wildlebensräume hinweisen, bevor es zu spät ist. Und wir wollen dafür ein klares Zeichen setzen, dass sich die Ranger Afrikas und Tansanias organisieren und damit ihrer Tätigkeit endlich eine Stimme geben und gebührenden Einfluss verleihen."

Es bleibt ein schmaler Grad, auf dem sich die Ranger bewegen. Und es ist höchste Zeit, dass ihre Stimme Gehör findet. All zu viele im Dienst getötete Ranger ziehen eine blutige Spur. Meist kaum beachtet, unbemerkt, stumm. Ein letztes Blitzlicht auf Sean Willmore: Der frisch gewählte Vorsitzende der IRF hat nach einer 15-monatigen Reise zu Rangern in aller Welt die Stiftung "Thin green line" gegründet. Mit Hilfe der Thin green line werden aktuell die Angehörigen von 63 getöteten Rangern unterstützt. 63 Tropfen. Wenigstens.

Mehr hierzu: www.thingreenline.info




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