Natur

Umwelt

Hohenlohe

Brandenburg

Reisen

Kontakt

nature-press




presse-dienst

Auf drei Stockwerken in den Mai

Kirchweih und Maitanz in luftig-grünen Tanzlinden

Ein unbestrittetanzlinde in haagenner Höhepunkt im Jahreslauf vieler hohenlohischer Dörfer ist heute wie vor Jahrhunderten die herbstliche Kirchweih, die "Kärwe". Doch die mächtigen Tanzlinden, in denen sich die Menschen früher bei diesen Festen auf mehreren Stockwerken vergnügten, sind nahezu vergessen. Jetzt beleben heimatversessene Menschen diesen alten Brauch aufs Neue.

Einige dieser seit rund einem Jahrhundert vergessenen Riesen haben allen Stürmen und Zeiten getrotzt. So ermöglichen etwa in Untermünkheim-Haagen, in Langenbeutingen, Gelbingen, in Forchtenberg und zahlreichen anderen Gemeinden noch immer ehemalige, nicht selten unbeachtete Tanzlinden, Einblicke in das Leben früherer Generationen.

Die frühere Funktion dieser Bäume, die besonders im fränkischen Raum verbreitet waren, läßt sich bis heute an ihren starken möglichst waagerecht verlaufenden Ästen erkennen. Doch bis die Dorfgemeinschaft auf zwei oder gar drei Etagen auf Bretterbohlen in der Linde tanzen konnte, vergingen 100 Jahre und mehr. Nicht viel für die über 40 Meter hoch und bis zu 1000 Jahren alt werdenden Linden. Für die Menschen in aller Regel jedoch weit mehr als eine Lebenszeit.

100 Jahre bis zum nächsten Tanz

Im Freilandmuseum Wackershofen und auf der "Öhringer Allmand" haben sich einige Heimatpfleger trotzdem wieder auf das Abenteuer eingelassen, neue Tanzlinden zu formen, um möglichst in einigen Jahrzehnten wieder hoch in den Bäumen feiern zu können.

"Nach 10 bis 15 Jahren beginnen an den zukünftigen Tanzlinden die ersten Erziehungsschnitte", beschreibt Heinrich Mehl, der ehemalige Leiter des Hohenloher Freilandmuseums Wackershofen die ersten Arbeiten, um eine Tanzlinde zu formen. Ähnlich wie beim Spalierobst werden durch fortgesetztes Festbinden und Schneiden starke waagerechte Äste geformt, die dann endlich stark genug rund um den Stamm mit Bretterbohlen ausgelegt wurden. Doch vor dem ersten Tanz wurden diese Äste noch mit stützenden Säulen versehen.

Ein Tanzvergnügen in einer jahrhundertealten hohenlohischen Linde beschreibt Mehl im Buch "Tiere und Pflanzen im alten Dorf": "Im Verlaufe eines warmen Maiabends, wenn Bier und Most ihre Wirkung taten, kletterte man dann eine Stufe höher, denn die ältesten Tanzlinden hatten in gebührendem Abstand über dem ersten Astkranz einen zweiten und manchmal darüber noch einen dritten in luftiger Höhe, den die Mutigsten des Dorfes erklommen, um hoch im Blätterdach zu tanzen."

Höhenrausch

So wie hier beschrieben dürften wohl auch die Feste in der Kocherstettener Linde verlaufen sein. Auf einer um 1800 entstandenen Federzeichnung steht ein Baum im Mittelpunkt, der alle Häuser weit überragt. Die drei weit ausladenden Astkränze und der stützende Säulenkreis verraten ihn eindeutig als Tanzlinde. Wie mag es dort geduftet haben, wenn im Juni und Juli die Lindenblüten in voller Blüte standen?

Im Hohenloher Freilandmuseum deutet eine vor rund 10 Jahren gepfltanzlinde nachwuchs in wackershofenanzte junge Linde mit der Form ihrer Äste ihre zukünftige Nutzung als Tanzbaum bereits an. Einen anderen Weg hat der Öhringer Heimatverein beschritten. "Mit einer Pflanzmaschiene haben wir sechs rund 30- bis 40-jährige Linden auf die "Allmand" verpflanzt und damit begonnen, Tanzlinden zu erziehen", beschreibt Vorsitzender Udo Späth die gemeinsame Aktion von Stadt und Heimatverein im Mai dieses Jahres. "Auch in Öhringen standen früher mehrere Tanzlinden", begründet er das Wiederanknüpfen an diese alte Tradition. Um bereits in absehbarer Zeit zum ersten Tanz in den Baum laden zu können, sollen alle tragenden Äste der ersten Etage mit Sandsteinsäulen gestützt werden. Einige Spender, der Preis für eine Säule beträgt stattliche 2500.- , haben sich bereits gefunden. Schon seit altersher war es Brauch, die Namen der Stifter auf den Säulen zu "verewigen".

Über eine der bekanntesten Linden in Neuenstadt/Kocher heißt es im Jahr 1690, dass sie von sage und schreibe 160 Säulen gestützt worden war. Aber keine Eile. Bis die Öhringer Tanzlinden zu diesen Dimensionen herangewachsen sein mögen, werden noch einige Jahrhunderte übers Hohenloher Land ziehen.


veröffentlicht im September 2003 im Haller Tagblatt

Copyright Roland Schulz