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Zur Arche Noah der Urzeit

Die Badlands - Geisterlandschaft und heiliger Platz der Ureinwohner


Eigentlich hatten wir in vier Wochen schon alles erlebt. Urplötzlich hinter einem Felsen auftauchende Grizzlybären. Den ungebändigt durch endlos anmutende Geröllfelder gischtenden Athabasca River. Hungrige Flughörnchen, die unsere Nahrungsvorräte empfindlich geschmälert hatten. Bergkaribus. Rotglühend über den Nachthimmel zuckende Nordlichter. Atemberaubende Blicke aus dem Aussichtswagen des legendären "Canadien"-Zuges bei der Überquerung der Rocky Mountains. Eigentlich hatten wir abgeschlossen. Doch wie so oft: Das Beste kommt zuletzt.

Schuld waren Vale und der Schneeregen. Und natürlich die Flughörnchen, die uns mit ihrem dreisten Raub vor der Zeit zurück an den Icefields-Highway zwangen. Vale, vor t-rex jaeger oder aasfresser?Jahrzehnten aus dem "kleinen England geflüchtet", bremste ihren kompakten Japaner zögernd ab, ein scharfes Mustern, dann energisches Winken. "Ihr könnt mitfahren. Aber wenn Ihr mir nicht gefallt, schmeiß ich Euch wieder raus." Gleich vorweg, Vale hat uns bis nach Jasper mitgenommen. "Nach Edmonton wollt ihr? Da gibt´s nur Cowboys. Nach Drumheller müßt Ihr. Ins weltbeste Dinosauriermuseum." Klang ja interessant, aber wir hatten andere Pläne.

Der Abschied von den bunten Bergen, ein Stück Wehmut und weiter im Greyhound zum Tor nach Norden: Edmonton. Hier warteten einige immer wieder neu erschlagende Bummel im West Edmonton Mall, der weltweit größten überdachten Einkaufs- und Vergnügungsmeile: Achterbahn, Wellenbad, Spielcasino, Eisbahn, wahrhaftige U-Boote und Millionen von Läden - wenigstens schien es so. Kurzum, bei zwei Grad Plus und Schneeregen kapitulierten wir vor dem geballten nordamerikanischen Traum: Das Tor zum Norden wurde zum Sprungbrett in den Süden.


Durch die Prärie

Ein "fullsized" Ford Crown Victoria war rasch gemietet. Vier Tage Zeit bis zum Abflug von Calgary, ein voller Tank und im Radio beide Arten von Musik: Country und Western.
Schnurgerade Straßen, den Tempomat auf 100 km/h gestellt, der Prärie entgegen. Mit jedem Kilometer nach Süden werden Bäume seltener, bis sie irgendwann nur noch Erinnerung sind. Abwechslung bringen jäh eingeschnittene Flusstäler, durch die sich am Ende des Sommers bestenfalls noch braune Rinnsale winden. "Wenn wir in der Prärie 350 mm Regen im Jahr haben, war es ein gutes Jahr," wird uns am Abend Mike im Last Chance Saloon belehren.
In diesen sturmgeschützten Tallagen hatten Einwanderer vor wenig mehr als 100 Jahren Siedlungen gegründet. Heute künden stolz aufragende, weiß, braun oder ochsenblutfarben leuchtende Grain elevators, gigantische Getreidespeicher, vom Reichtum der korngesegneten Prärie. Doch wahre Schätze liegen im Verborgen. So auch in Alberta. Nur das allgegenwärtige endlos monotone Auf und Ab der eher unscheinbaren Pumpenschwengel verrät das schwarze Gold.

Die Weiterfahrt durch die Rolling Hills gerät endgültig zur Meditation. Die einzige, zudem vorhersehbare Abwechslung in dieser knochentrockenen Graslandschaft liegt darin, dass hinter jeder sanft gerundeten Hügelkette die nächste mit genauso kahl geschwungenen Hügeln wartet. Garantiert. Und sonst nichts. Außer ein paar dürren Rindern. Dann plötzlich, drei starre Schemen am staubigen Straßenrand. Pronghorns. Vor 150 Jahren waren diese fahlbraunen "Ziegenantilopen" fast ausgerottet. Begrenzte Abschusszahlen haben ihr Überleben in der kargen Umgebung bis heute gesichert.

Zeitreise im Dämmerlicht

Wenige Meilen später sind wir am Ziel: Wie ein riesiges Raumschiff drückt es sich auf den weiten Talgrund des Red Deer Rivers. Die tiefstehende Nachmittagssonne malt warme Farben auf die grün-, ocker- oder zinnoberfarbenen Sandsteinbänder der schroffen Talhänge. Unwirkliche Kulisse für eine Arche Noah der Urzeit, royal tyrrell museumdas 1985 eröffnete Royal Tyrrell Museum bei Drumheller. Vorbei an zwei jagenden Raptoren, rasanten Raubsauriern, führt der Weg ins schummerige Halbdunkel einer über Millionen von Jahren vergessenen Welt.

Am Anfang der Zeitreise steht ein Gang durch die gespenstisch beleuchtete Lebewelt des Kambriummeeres. 500 Millionen Jahre zurück in die Vergangenheit. So realistisch inszeniert, dass der Vater der dreijährigen Mary alle Mühe hat, seine Tochter auch nur zu einem Schritt auf den gläsernen Boden über dem Meeresgrund zu bewegen. Als sie es dann doch noch gewagt hat, zögernd und gleich wieder zurück, strahlt stolzer Pioniergeist in den väterlichen Augen.

Nach dieser Mutprobe öffnet sich ein endlos anmutender verwinkelter Raum, in dem annähernd 40 Saurierarten warten. Massige Pflanzenfresser wie die eigentümlichen Entenschnabel-Saurier. Wenige Schritte weiter kauern hörnerbewehrte Triceratops mit tiefgesenkten Schädeln in Verteidigungsstellung. Sie scheinen den Angriff des 12 m langen Tyrannosaurus Rex, aus dessen weit aufgerissenem Maul handlange Kegelzähne drohen, begegnen zu wollen. Hautnah dabei sind Besucher, wenn eine Gruppe der äußerst behenden Raptoren, berüchtiraptoren am royal tyrrell museumgt aufgrund ihrer rund 16 cm langen rasiermesserscharfen Klauen, gerade einen schwerfälligen Pflanzenfresser umzingelt und angreift. Spätestens bei diesen dynamischen Szenen, die kleinen Raubsaurier sollen Spitzengeschwindigkeiten von 45 km/h erreicht haben, wird die Urwelt lebendig.
Und doch, die kunstvoll präparierten fossilen Giganten erzählen nur das Ende vieler spannender Geschichten. Gefunden, ausgegraben und zusammengepuzzelt werden Saurierer seit 119 Jahren in dem nur vier Autostunden entfernten Dinosaur Provincial Park, einem Ausschnitt der atemberaubend schönen Badlands.

Traumzeit

Drei Tage bleiben uns. Eine Lagerfeuernacht auf dem Zeltplatz. Ein morgendlicher Abstecher zu den "Hoodoos": windgeschliffene buntgebänderte Sandsteintürme unter Steinkappen.
Dann ein letztes Mal Prärie. Noch trockener. Manchmal trostlos. Auf den staubigen Schotterpisten fürchten wir ein ums andere mal um unsere brave Plüschschaukel, die Scheiben, den cremefarbenen Lack, die Kaution. Doch das Ziel bleibt: Badlands, gigantischer Saurierfriedhof seit 76 Millionen Jahren.
Einzelne Häuser, ganz selten. Einmal ein klapprig gelber Schulbus. Bei Patricia an einer Kreuzung eine einsame Tankstelle. Ein vielleicht 17-jähriges Mädchen bedient mit gelangweilter Freundlichkeit. Wieviele Meilen sind es bis zur nächsten Disco?

Gegen Abend erreichen wir die unter tiefhängenden Wolken ausgebreiteten Badlands. In eine weite Ebene haben Flüsse und Bäche unzählige kleine und größere schroffe Täler geritzt. Ein grober Holzschnitt einer Landschaft. Geblieben sind rundlich herausgewitterte Sandsteinhügel, schmale Plateaus. Manche der skurrilen Formen scheinen mit dicker Vanilliensauce übergoßen. Aus einem besonders hoch aufragenden Gebilde muss doch jede Sekunde ein Gospelchor losschmettern, so sehr ähnelt es einer Kirche. Heilige und unheimliche Geisterlandschaft zugleich! Kein Wunder, dass hier noch vor 150 Jahren junge männliche Ureinwohner solange gefastet haben, bis Ihr Traum sie gefunden und in die Welt der Erwachsenen geführt hat.

Vielleicht hat sich im Red Deer Valley auch der Traum des britischen Geologen Joseph Burr Tyrrell erfüllt, als er 1884 bei der Suche nach Bodenschätzen dem ersten gewaltigen Schädel eines Albertosaurus in die versteinerten Augenhöhlen blickte. Auch wir graben fleissig und finden einige Knochensplitter, Saurierknochen, natürlich. Doch Vorsicht. Schilder warnen vor einem Verlassen der ausgetrampelten Pfade: "It is rattlesnake country, so watch where you step on."

Es ist ein ungeschriebenes kanadisches Gebot: Mit dem Labourday am ersten Septemberwochenende sind die Ferien zu Ende. Über Nacht sind sämtliche Campingplätze ausgestorben. Beinahe wenigstens. In der Abenddämmerung zieht eine Maultierhirschkuh wie selbstverständlich keine 10 Meter an uns vorbei. Zwei halbwüchsige Kitze sehen mit großen Augen furchtlos herüber und folgen. Der letzte Abend am Feuer, Rauch in den Haaren, die Fahrt auf dem Highway nach Calgary, zum Flughafen, einquecken, abfliegen, ankommen. Ankommen? Das dauert dann manchmal etwas länger als drei Tage...


Die Fotos 1 und 2 wurden mir vom Tyrrell Museum überlassen. Herzlichen Dank.

Copyright Roland Schulz