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Wettlauf mit der Zeit

Wolfsexpertinnen kämpfen für Zukunft des Rudels in Sachsen

Zwei Frühlingsnächte, in denen das mutmaßlich einzige wildlebende Wolfsrudel Deutschlands 33 Schafe gerissen oder verletzt hat, haben im nordöstlichen Sachsen die alten Ängste vor den Wölfen zu neuem Leben erweckt. woelfe leben streng hierarchischDas sächsische Umweltministerium hat reagiert und eine "Expertenkommission Wolf", volkstümlich "Soko", eingesetzt. Hier sind unter Leitung von Dr. Michael Gruschwitz, Biologiedirektor am Sächsischen Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft, vier Wolfsforscher, drei Landwirte und zwei Förster gefordert, ein funktionierendes Wolfsmanagement für den Freistaat zu entwickeln. Mit Gesa Kluth wurde eine ausgewiesene Kennerin der grauen Gesellen für die Umsetzung der Maßnahmen engagiert.

"Beim Wolf versagen alle bisherigen Instrumente des klassischen Artenschutzes," umreißt Gruschwitz die besondere Problematik und präzisiert: "Hier helfen keine Naturschutzgebiete, keine Luderplätze und auch kein Landkauf. Sein Aktionsradius ist einfach zu groß und unkalkulierbar. Wir müssen die Wölfe in der freien Landschaft akzeptieren."

Sieben Jahre ist alles gut gegangen. Bereits 1995 war Insidern die Anwesenheit Isegrimms auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz bekannt. Solange sie ihre Aktivitäten weitgehend auf das militärische Übungsgebiet mit dem rund 100 km2 großen Waldgebiet "Muskauer Heide" begrenzten, gab es kaum Konflikte mit Menschen. Doch die sieben heimlichen Jahre, in denen der staatliche Naturschutz aus Sorge vor Medientrubel und Wolfstourismus den Mantel des Schweigens über die grauen Neuankömmlinge gelegt hatte, waren mit den nächtlichen Angriffen Vergangenheit. Heute lautet der oberste Grundsatz des sächsischen Wolfsmanagements "intensive Öffentlichkeitsarbeit und Akzeptanzförderung bei der Bevölkerung und betroffenen Nutzern wie Jägern, Förstern und Schäfern."

Ein zentraler Baustein dieser Akzeptanzförderung ist die kompetente Betreuung Betroffener durch Gesa Kluth. So war sie unmittelbar nach den nächtlichen Angriffen am Tatort und hat Schäfer Frank Neumann mögliche Schutzmassnahmen unterbreitet. Als Ergebnis wurde der 90 cm hohe Elektroweidezaun, durch den 3000 Volt pulsieren, auf rund 1,3 Meter erhöht. "Dies verstärkt die optische Barrierewirkung des Zaunes," so Kluth.

Mit Erfolg, so scheint es. Bislang jedenfalls haben die Wölfe keine weiteren Anläufe unternommen, den Zaun zu überwinden. Versuche, die Beutegreifer mit Gummigeschossen zusätzlich abzuschrecken, schlugen fehl. "Leider hat das nicht geklappt. Die Wölfe registrieren genau, ob da ein Jäger sitzt oder nicht," bedauert die Wolfsexpertin.

Ekkehart Knoenagel, Leiter des zuständigen Amtes für Landwirtschaft Niesky-Kamenz, bezeichnet das bisherige Wolfsmanagement als gelungen, weil das Ministerum alle Betroffenen wie Schäfer, Jäger oder Förster einbezogen habe. "Wäre das Management anders gelaufen", ist der Amtsleiter überzeugt, "wäre die Stimmung unter den Schafhaltern sicherlich schlechter."

Doch der nächste Konflikt scheint bereits vorprogrammiert. "Zweijährige Wölfe verlassen meist ihr Rudel und suchen ein eigenes Revier. Beim Abwandern müssen die in der Muskauer Heide geborenen Jungwölfe fast zwangsläufig an dieser waldnahen Schafweide von Neumann vorbei", so Kluths Recherchen. In diesem Frühjahr waren es die vier im Jahr 2000 geborenen Geschwister. Im kommenden Jahr, so die Prognose der Expertin, wird die nächste Geschwistergruppe vorbeiziehen.

Frühwarnsystem soll Wolfsattacken vermeiden

Einem neuen Angriff auf die Schafherde muss unter allen Umständen vorgebeugt werden. Andernfalls würde die vom Umweltministerium angestrebte öffentliche Akzeptanz der Wölfe in sehr weite Ferne rücken.

Besondere Hoffnungen setzen die Artenschützer bei ihren Aktivitäten auf ein Frühwarnsystem. Die Basis hierfür legen die Biologinnen Gesa Kluth und Ilka Reinhardt gerade mit intensiven Recherchen in Nordsachsen und Südbrandenburg. Hier überprüfen sie, ob die nach deutschem Recht streng geschützten Wölfe neue Reviere besetzt haben. Wichtige Hinweise erhalten sie dabei von Weidmännern, die in ihren Jagdgebieten Wölfe vermuten. Sollte sich ein Wolfsverdacht verdichten, setzen die Expertinnen auf Nachweismethoden wie Spurensuche im Schnee, Überwachen von Rissen mit automatischen Kameras oder nächtliche Heulsessions, bei denen sie Wölfe durch täuschend echt imitierte Rufe zur Antwort animieren wollen. "Ein funktionierendes Informationsnetzwerk dieser Art hätte die nächtlichen Angriffe auf die Schafherde verhindert," ist Kluth überzeugt. "Im angrenzenden Forst Weißwasser fanden Jäger vor dem Überfall auf die Schafe einige Stücke von Wölfen gerissenes Schalenwild. Davon haben wir erst erfahren, als es zu spät war."

Seit diesem Sommer können bei akutem Wolfsverdacht Schafweiden im betroffenen Gebiet sofort mit Lappenzäunen geschützt werden. Nach positiven Erfahrungen in Polen hat der Internationale Tierschutzfonds IFAW 200woelfe: immer auf der hut0 Meter Zaun, zum Einsatz in Sachsen erworben. Dicht an dicht flattern an diesen Zäunen rund 45 cm lange rote Lappen. Aus bislang unerfindlichen Gründen gelingt es selbst Wölfen in Todesangst nur selten, diese optische Barriere zu überwinden. Die Lappenzäune, bereits in früheren Jahrhunderten bei Wolfsjagden bewährt, werden aller-dings nur bei Gefahr in Verzug aufgebaut. "Ansonsten", so fürchtet Kluth, "könnten sich die Tiere daran gewöhnen und ihre Scheu ablegen." Eine nur wenige Monate zurückliegende Begebenheit aus Südpolen hat Kluth von deren Wirksamkeit überzeugt: "Als Sabina Nowak, eine führende polnische Wolfsforscherin, an einer gefährdeten Stelle den Lappenzaun um einen Schafpferch errichtet hatte, haben sich drei Ziegen geweigert, die umzäunte Fläche zu betreten. Am nächsten Tag waren sie tot."

Ihre aktuellen Untersuchungen deuten darauf hin, dass in Sachsen neben dem Rudel in der Muskauer Heide höchstens einzelne Durchzügler leben. "Momentan führen wir prophylaktische Gespräche mit drei Schäfern, deren Herden im Gebiet um die Muskauer Heide oder die Stadt Mühlrose weiden. Möglicherweise," mutmaßt Kluth, "entsteht hier gerade Rudel Nummer 2 direkt neben dem ersten Rudel."

Doch Sachsen scheint gewappnet. Mit einem vom Internationalen Tierschutzfonds IFAW finanzierten Faltblatt, einer Ausstellung, Filmen und Vorträgen hat das sächsische Umweltministerium gemeinsam mit der "Gesellschaft zum Schutz der Wölfe" eine großangelegte Pro-Wolf-Kampagne gestartet. Umfassende Informationen über die großen Beutegreifer sollen die anerzogene Angst vorm bösen Wolf auf eine sachliche Ebene bringen. Dieses Anliegen verfolgt bereits seit längerem ein Infoblatt des Bundesforstamtes Muskauer Heide, in dem es heißt: "Eine Gefahr für den Menschen geht von den Wölfen nicht aus. Der Mensch gehört nicht zu seinem Beutespektrum."

Jäger als Verbündete

Kluth und Reinhardt planen auf ihrem Weg zu einer breiten Akzeptanz der Wölfe im bevorstehendem Winter intensive Spurensuchen. Im Frühjahr werden Termine mit Hegegemeinschaften Kluths Kalender bestimmen: "Hier wollen wir weitere Jäger für aktive Mitarbeit in unserem Informationsnetzwerk gewinnen."

Da Sichtbeobachtungen der aufgrund jahrhundertelanger gnadenloser Verfolgung extrem scheuen eurasischen Wölfe kaum gelingen, wird sie in ihren Vorträgen andere Nachweismethoden erläutern. So können sich die heimlichen Beutegreifer über Fährten, Losung oder Risse verraten. Den Aussagen von Wildbiologen, dass bereits ein verändertes Wechselverhalten des Rotwildes sowie größere Unruhe auf den Äsungsflächen auf anwesende Wölfe deuten kann, steht Kluth skeptisch gegenüber: "Häufig schon waren Wölfe monatelang in einer Gegend, ohne dass ihre Anwesenheit bemerkt wurde."

Wölfe ernähren sich zu mehr als 90 % von Schalenwild, also Rot-, Reh- und Damwild, Mufflons und Wildschweinen. Aus diesem Grund vermutete Kluth zunächst, dass die Jäger die schwierigste Klientel seien. "Diesen Eindruck habe ich heute nicht mehr." "Wir Jäger hier in der betroffenen Region können mit den Wölfen leben", bestätigt der erfahrene Weidmann Siegfried Buchholz. "Wildverluste sind bei uns noch nicht gravierend. Gerade haben wir hier wieder einen Riss gehabt. Es ist ein Glück, dass wir hier Seeadler haben, sonst würden wir viele Risse gar nicht finden."
Rolf Röder, Leiter des Bundesforstamtes Muskauer Heide, verfolgt das Leben Isegrimms auf "seinem" Truppenübungsplatz seit 1995. Die Anwesenheit des Rudels hat seinem Empfinden nach bereits Spuren beim Schalenwild hinterlassen: "Der Rehwildbesatz wird vermutlich durch die Wölfe stark genutzt. So haben in diesem Jahr Ricken vermehrt zwei Kitze geführt. Eventuell kann die höhere Reproduktionsrate schon ein erstes Reagieren darauf sein." Auch die Landwirte könnten langfristig von den grauen Jägern profitieren. "Sollten die Wölfe zur Verringerung der Schalenwildpopulation beitragen, ist naturgemäß mit einer Verringerung der Wildschäden auf forstlichen und landwirtschaftlichen Flächen zu rechnen," bricht Röder eine Lanze für die Neubürger, die unlängst von der "Schutzgemeinschaft Deutsches Wild" zum Wildtier des Jahres 2003 ausgerufen wurden.

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veröffentlicht in der Deutschen Jagdzeitung, Ausgabe Februar 2003

Copyright Roland Schulz