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Wurmkur für Ackerböden

- Forscherteam präsentiert Konzept für wirksame Hochwasservorsorge / Intakte Böden speichern zweimal mehr Regenwasser als verdichteter Untergrund -

Die Zeiten, als Landwirte ausschließlich Lebensmregenwürmer schützen vor hochwasserittel produziert haben, sind Vergangenheit. Längst erzeugen sie als moderne Energiewirte Solarstrom, Biodiesel oder Biogas. In naher Zukunft scheinen sie als Wasserwirte beim Kampf gegen Jahrhunderthochwässer mehr denn je gefragt.

Die Dramaturgie nach den sich häufenden sogenannten "Jahrhundert-hochwässern" an Oder, Elbe, Isar oder Inn verlief in den letzten Jahren nach immer wieder demselben Muster: Ganz Deutschland bangt einige Tage trockenen Fußes vor den Fernsehschirmen. Die Helfer leisten Menschenmögliches und bleiben angesichts der Wassermassen doch oftmals zweiter Sieger. Nach dem Wasserrückzug folgen die üblichen Schuldzuweisungen der Betroffenen in Richtung Verantwortliche. Und doch bleibt die Gewissheit, dass nach dem Hochwasser vor dem Hochwasser ist. Obwohl vorsorglich zusätzliches Geld investiert wird. Obwohl Dämme weiter erhöht, obwohl einige begradigte Fließgewässer wieder ihren alten geschwungenen Läufen folgen dürfen.

Jetzt meldet sich ein Professor aus Braunschweig zu Wort und belegt mit seriösen wissenschaftlichen Untersuchungen, dass Regenwürmer den entscheidenden Beitrag zu einer wirksamen Hochwasservorsorge leisten können.

"Täglich werden in Deutschland noch immer rund 150 Hektar offene, wasseraufnehmende Flächen durch Straßen, Gebäude oder Parkplätze überbaut. Auf diesen Flächen kann kein Wasser mehr versickern," beginnt Professor Ewald Schnug von der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft. Nichts Neues zunächst. Doch jetzt: "Auf den durch konventionelle Landwirtschaft genutzten Ackerböden beobachten wir seit Jahren eine schleichende Versiegelung. Durch das Befahren mit immer schwereren Maschinen und die häufigen Bodenbearbeitungen werden die Ackerböden verschlämmt und die Lebensgrundlagen für die Bodenbewohner, allen voran die Regenwürmer, verschlechtern sich."


Tierisch leistungsfähiges Drainagesystem


Und in der Tat ist es ganz erstaunlich, zu welchen Leistungen die bis zu 24 Zentimeter langen Tieregrößten wirbellosen Tierein intakten Ackerböden fähig sind. So ermittelt entdeckt Dr. Johannes Bauchhenß, Regenwurm-Experte der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft, im Boden eines Ackers bei Ingolstadt rund 100 Regenwürmer pro Quadratmeter. Pro Hektar sind das hochgerechnet eine Million Individuen. Und jetzt wird es spannend: Einen Quadratmeter des untersuchten Ackers durchziehen rund 300 Wurmröhren, die mehr als einen Meter tief reichen können. Ein wirksameres Drainagesystem ist kaum denkbar. Zumal diese Röhren, durch den Kot kleiner Lebewesen wie Hornmilben oderund Springschwänze stabilisiert, vier bis sieben Jahre lang Regenwasser aufnehmen und erosionsfrei in den Boden versickern lassen.

Doch die Realitätjetzt beginnt diebringt wiederkehrende Tragödien für die Regenwürmer, die Professor Schnug auf einen nur zunächst überraschenden Punkt bringt: "Das problematischste Werkzeug in der Landwirtschaft ist der Pflug. Durch diese Bearbeitung werden sämtliche Bodenlebewesen ständig mit Extremsituationen konfrontiert." Dass es trotz Pflug auch anders geht, belegten seit Jahrzehnten ökologisch bewirtschaftete Felder. "Auf diesen Flächen leben sieben Mal mehr Regenwürmer als auf konventionell bewirtschafteten. Die Versickerungsraten bei Niederschlägen sind immer hier etwa noch doppelt so hoch." DieAuch die pPfluglose Bodenbearbeitung, die in den letzten Jahren zunehmend Anhänger im konventionellen und ökologischen Landbau findetgewinnt, verbessere die Überlebenschancen der Regenwürmer zusätzlich deutlich.

Dass diese ungeheuren Versickerungspotenziale auf den Ackerflächen in Deutschland aktiviert werden sollten, steht für den Experten außer Frage: "Stellen Sie sich vor, wenn bei Regen auf einem Quadratmeter Acker nur ½ Millimeter Wasser mehr versickert als bisher, dann sind das auf einem Hektar bereits 5000 Millimeter oder Liter. Die gesamte Ackerfläche in Deutschland beträgt rund 12 Millionen. Rechnen Sie selbst."

Das Konzept des Braunschweiger Agrarwissenschaftlers ist weit gediehen. Er plädiert für eine Förderung des ökologischen Landbaus gerade im Umkreis großer Städte. Zum einen gewährleiste förderet dieses Vorgehen einen ortsnahen Ausgleich der hier täglich stattfindenden Flächenversiegelungen. Zum anderen sei dies ein gesamtgesellschaftlich kaum hoch genug zu schätzender schätzbarer Beitrag zu einer wirksamen Hochwasservorsorge. Dass die rund 40 in Deutschland lebenden Regenwurmarten, "die fleißigsten Helfer der Landwirtschaft", ebenfalls von diesem Schutzkonzept profitieren würden, gilt als so logischer wie erfreulicher wie logischer Nebeneffekt. .



veröffentlicht in Südwestpresse am 8. Oktober 2005

Copyright Roland Schulz